Drei Jahre Projektarbeit in Bolivien

Korruption, politische Machtkämpfe und Machismo – dem werde ich mich in den nächsten drei Jahren stellen müssen. Dies hat nichts mit Klischees zu tun, sondern ist Teil der Stellenbeschreibung meiner neuen Arbeit in Bolivien. Die Organisation, für die ich dort tätig sein werde, ist nämlich im Spannungsfeld genau dieser Themen tätig und engagiert sich deshalb für die Stärkung der Zivilgesellschaft. 

Diese Frauen sind Mitglieder einer Frauen - Fingerpuppen - Strickgruppe, welche Pevec Eva leitet. Pevec Eva ist eine Mitarbeitende der Bethlehem Mission Immensee Schweiz BMI im Einsatz in El Alto, Bolivien.
Fotos: zVg COMUNDO

Evo Morales hat Bolivien verändert. Als er 2006 als erster Indigener zum Präsidenten Boliviens gewählt wurde, haben viele grosse Hoffnungen in ihn gesetzt. Und auch wenn seine Politik inzwischen auch bei Linken und Indigenen umstritten ist, hat er dem Land doch wichtige Neuerungen gebracht. Zum Beispiel die Anerkennung der sozialen Diversität mit der Umbenennung des Landes in «Plurinationaler Staat Bolivien» sowie der Ernennung von ganzen 36 indigenen Amtssprachen nebst Spanisch. Die unter ihm erarbeitete neue Verfassung gewährt den Bürger_innen mehr demokratische Rechte und ermöglicht ihnen, an politischen Entscheidungen teilzunehmen. Doch in der Praxis können nur wenige diese Rechte auch wirklich wahrnehmen. Es fehlt an Transparenz, ausserdem herrscht in der öffentlichen Verwaltung oft Willkür und Korruption. Insbesondere Frauen, Indigene und die ländliche Bevölkerung befinden sich immer noch in der Situation, dass über sie bestimmt wird, anstatt dass sie das Leben in ihrer Gemeinde aktiv mitgestalten können.
In diese komplexe Situation hinein – noch fragiler, da 2019 Neuwahlen stattfinden und Boliviens Politik unvorhersehbare neue Wege einschlagen könnte – werde ich in knapp drei Wochen versetzt. Nein, nicht «versetzt», schliesslich gehe ich freiwillig: Nachdem mein letzter längerer Auslandaufenthalt in Nordkurdistan (Südosttürkei) nun schon fünf Jahre her ist, zieht es mich wieder in die Ferne, diesmal mit einem dreijährigen Arbeitsvertrag in der Tasche.

Zusammenarbeit statt «Hilfe»
Vor ungefähr 15 Jahren sah ich im Fernsehen eine Dokumentation über Freiwillige, die Auslandeinsätze mit dem Roten Kreuz machten, und dachte die ganze Zeit: Haben die ein Glück! Was man wohl für eine Ausbildung machen und für Bedingungen erfüllen muss, um so einen tollen Job zu bekommen? Das schaffe ich wahrscheinlich nie. Und bis heute hat sich an meiner Haltung nichts geändert: Ich empfinde es als riesige Chance, ja als Luxus, dass ich diese Erfahrung machen darf. Natürlich ist es eine  Herausforderung, die man nicht unterschätzen darf, doch wenige Wochen vor der Ausreise überwiegen bei mir der Enthusiasmus, die Neugier und die Vorfreude eindeutig die Fragezeichen und Unklarheiten…
Doch von vorne: Der Auslandeinsatz, den ich in Kürze antrete, läuft über die Schweizer Organisation Comundo, für die ich in den letzten drei Jahren – als Redaktorin ihrer Publikation «Wendkreis» – gearbeitet habe. Comundo leistet keine klassische Entwicklungshilfe, sondern verfolgt den Ansatz der «Personellen Entwicklungszusammenarbeit». Das bedeutet: Die Projekte in den Einsatzländern werden nicht finanziell unterstützt, sondern durch das Entsenden von Fachpersonen, welche in lokalen Organisationen direkt mit der Bevölkerung zusammenarbeiten. Durch eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und den gegenseitigen Austausch lernen und profitieren beide Seiten, und ein echter Nord-Süd-Austausch kommt zu Stande.
Das Wort Entwicklungs«hilfe» dagegen impliziert bereits eine klare Rangordnung, während das Entsenden von Fachkräften in der PEZA einen echten Austausch und gegenseitiges Lernen zum Ziel hat – zentral ist dabei die Haltung, dass «wir» nicht kommen und «ihnen» zeigen, wie es geht, sondern dass die Projekte vor Ort gemeinsam entwickelt werden; dabei kann aus den Erfahrungen beider Seiten geschöpft werden. Um Hierarchien zu vermeiden, pflegen die Einsatzleistenden vor Ort auch ganz bewusst einen einfachen Lebensstil und arbeiten zu einem Bedarfslohn, der nur die Kosten für die Grundbedürfnisse deckt.

Die Organisation, bei der ich tätig sein werde, heisst Acovicruz, befindet sich in Santa Cruz de la Sierra, und hat sich zur Aufgabe gemacht, die Zivilbevölkerung zu stärken: mit Informationen, Workshops, Vernetzung, dem Aufbau von Räumen für Austausch, Diskussion, gewaltfreier Konfliktlösung etc. Damit zusammen hängt auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft: Bolivien gilt als das Land Südamerikas mit dem grössten «Machismo»; tatsächlich ist der Anteil der Frauen in politischen Ämtern sehr klein. Frauen werden oft Opfer von Gewalt und haben Angst, sich öffentlich zu exponieren. Auch hier setzt Acovicruz an – in spezifischen Programmen werden die Frauen nicht nur dabei unterstützt, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, sondern auch darin bestärkt, sich als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft für ihre Anliegen einzusetzen.


Wie kann man das Projekt unterstützen?

Wenn man in der Projektarbeit im Ausland auf sich allein gestellt ist, ist der Rückhalt aus der Schweiz eine wichtige Motivation: Das Wissen, dass es Menschen gibt, die den Einsatz und die Arbeit wertschätzen und sich dafür interessieren, ist wichtiger als man sich vorstellt. Denn in der Personellen Entwicklungszusammenarbeit geht es nicht nur darum, die Bedingungen in den Ländern des Südens zu verbessern – ein zweiter wichtiger Punkt ist die Sensibilisierung der Menschen in den Ländern des Nordens. Denn viele Probleme stehen in einem globalen Zusammenhang, der uns persönlich und direkt betrifft: So hat etwa unser Konsumverhalten und der Ressourcenverbrauch unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensbedingungen von Menschen in Afrika, Asien, Lateinamerika etc. Die Vision von Comundo, weltweite soziale Gerechtigkeit, kann nur erreicht werden, wenn wir uns dessen bewusst werden.
Aus diesem Grund habe ich – genau so wie alle Einsatzleistenden von Comundo – eine so genannte Netzwerkgruppe, die mir von der Schweiz aus den Rücken stärkt: Sie erhalten drei bis vier Mal pro Jahr einen Rundbrief mit News aus dem Projekt sowie über das Leben vor Ort. Indem sie diese Informationen weiterleiten oder in ihrem Bekanntenkreis vom Projekt erzählen, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierungsarbeit in der Schweiz und zum Nord-Süd-Austausch. Der erste Rundbrief ist bereits online: www.comundo.org/maron . Wer Mitglied meiner Netzwerkgruppe werden möchte, kann sich gerne per Mail bei mir anmelden: nicole@maron.ch – Ich danke schon im Voraus für jegliche Unterstützung! <3

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