Good bye aufgeklärte, moderne Türkei

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In der Nacht Panzer, die durch die Straßen Istanbuls rollen, in Ankara fallen Schüsse, hunderte Tote, das Parlamentsgebäude der türkischen Nationalversammlung in Ankara nach Luftangriffen der Putschisten schwer beschädigt, das Kriegsrecht wird verhängt, Teile Istanbuls und Ankaras werden abgeriegelt. Am Morgen Niederschlagung des #Putsches, tausende Festnahmen. #Erdogan an spricht bereits von umfangreichen „Säuberungsaktionen“, die er nun vornehmen werde. Das ist das Bild der letzten Stunden, welches uns die Türkei im Moment liefert. Die deutsche Bundesregierung hat bereits einen Krisenstab eingerichtet. Doch was steckt hinter diesem Putschversuch? Um zu verstehen, was sich hier warum abspielte, soll zunächst die Geschichte der Türkei ein wenig beleuchtet werden.

Die Gründung der Türkei

Die Republik Türkei wurde 1923 gegründet. Im Ersten Weltkrieg war das Osmanische Reich, welches seit 1299 bestand, Verbündeter des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns. Nach der Kriegsniederlange sollte das Gebiet der heutigen Türkei weitgehend zerstückelt werden. In den östlichen Landesteilen sollte ein armenischer Staat entstehen. Südlich davon wurde den Kurden eine autonome Region zugesprochen.

Ab 1919 organisierte Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) den politischen und militärischen Widerstand gegen diese Zerstückelungspläne. Besonders heftig waren ab 1920 die Kämpfe mit Griechenland. Nach dem Sieg der Türkei wurden die Pläne 1923 revidiert. Die bis heute gültigen Grenzen des neuen Staates wurden völkerrechtlich anerkannt. Nachdem alle ausländischen Militäreinheiten Anatolien verlassen hatten, rief Mustafa Kemal Pascha 1923 die Republik Türkei aus.

Atatürk modernisiert die Türkei und führt sie an Europa heran

Im Laufe seiner Amtszeit führte Mustafa Kemal Pascha mit strenger Hand von oben herab tiefgreifende Reformen im politischen und gesellschaftlichen System durch. Die Türkei wurde sukzessive in einen modernen, säkularen und europäisch orientierten Staat verwandelt. Bereits 1922 wurde das Sultanat abgeschafft, zwei Jahre später das Kalifat; noch im gleichen Jahr auch die Scharia, das religiöse islamische Gesetz. Die einflussreichen islamischen Bruderschaften wurden verboten.

In den Folgejahren wurden ganze Rechtssysteme aus europäischen Ländern übernommen und den türkischen Verhältnissen angepasst: a) das Schweizer Zivilrecht – und damit die Einehe mit der Gleichstellung von Mann und Frau, b) das deutsche Handelsrecht und c) das italienische Strafrecht.

1928 wurde die Säkularisierung ausgerufen, also die Trennung von Religion und Staat, welche die Voraussetzung für eine moderne, demokratische Gesellschaftsform darstellt. Die arabische Schrift wurde durch die lateinische ersetzt, das Frauenwahlrecht eingeführt. 1934 verlieh das Parlament Mustafa Kemal, der von der Bevölkerung leidenschaftlich verehrt wurde, den Nachnamen Atatürk (Vater der Türken).

Atatürk hatte den neuen Staat nach seinen Vorstellungen umgebaut mit einer extrem starken Position des Militärs, vor allem aber dem Prinzip der Trennung von Religion und Staat. Bis heute betrachtet sich die türkische Armee als Hüterin des kemalistischen Erbes. Wann immer das Militär das von Atatürk geschaffene System und damit auch die eigene Macht in Gefahr sah, mischte es sich aktiv ein. Seit 1960 kam es dreimal zu einem Putsch gegen die Regierung, das gestern war der vierte. Dabei gab die Armee nach einer Übergangszeit von ein bis zwei, maximal vier Jahren die Macht stets von sich aus an eine zivile Regierung zurück.

Erdogans Weg zurück in die Vergangenheit

Nach seinem Tode 1938 wurden nur ganz wenige der von Atatürk durchgeführten Reformen und Modernsierungen der Türkei wieder zurückgenommen. Genau das aber, so gewann man die letzten Jahre zunehmend den Eindruck, sollte sich jetzt unter Recep Tayyip Erdogan immer mehr ändern. Daher gab es wohl, so jedenfalls eine Deutung, innerhalb des Militärs Kreise, die den Putsch wagten. Ob es ein echter oder ein von Erdogan selbst inszenierter Putsch war, lässt sich zur Stunde nicht sagen. Sicher ist nur, dass er recht dilettantisch durchgeführt wurde.

Auf jeden Fall aber ist dieser Militärputsch gescheitert. Damit hat die Türkei vielleicht die letzte Chance verspielt, die schleichende Islamisierung des Landes endlich zu stoppen, eine Änderung in der Behandlung der Kurden herbeizuführen und auch ihre Haltung zum Islamischen Staat zu revidieren. Von nun an kann Erdo?an den Islamisierungsprozess noch verstärkt und beschleunigt weitertreiben und das Land geistig-moralisch endgültig aus der Moderne zurückführen Richtung Mittelalter.

Der Putsch ist gescheitert – Was nun?

Erdogan wird aus dieser Aktion gestärkt hervorgehen und versuchen, das Land weiter in Richtung eines Präsidialsystems (Sultanat) auszubauen. Die Trennung von Staat und Religion, die Kemal Atatürk einst vollzog und die Türkei damit in die Moderne hinein und näher an Europa heranführte, diese Trennung, über die das türkische Militär stets wachte, dürfte damit auf absehbare Zeit dahin sein. Der weiteren Islamisierung der Türkei stehen damit alle Tore offen. Der Zug scheint nun sogar beschleunigt in Richtung Vergangenheit zu rollen. Good bye aufgeklärte, moderne Türkei.

Eine Entwicklung, die aufmerksamere Zeitgenossen auch bei uns zu erkennen glauben, Stichwort: Re-Säkularisierung und Anti-Aufklärung.

Merkel, Tusk, Juncker und Obama haben sich übrigens hinter Erdogan gestellt. Der Erstgenannten sagen böse Zungen nach, dass sie im Grunde in Deutschland einen ähnlichen Kurs verfolge, nur eben auf leisen Sohlen und mit anderen, weniger brachialen Mitteln. Es bleibt zu hoffen, dass Deutschland nicht ganz unmerklich und schleichend einen ähnlichen Weg einschlägt. Anzeichen dafür gibt es bereits. Bleibt im Moment nur zu hoffen, dass wir in allzu ferner Zeit nicht sagen müssen: Good bye aufgeklärtes, modernes Deutschland, welcome dark age.

Wir könnten diesen Prozess auch ohne Militär stoppen. Wenn wir das nur wollen.

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Jürgen Fritz (1)Zum Autor: Jürgen Fritz studierte Philosophie, Erziehungswissenschaft, Mathematik, Physik und Geschichte (Lehramt). Für seine Philosophie-Abschlussarbeit wurde er mit dem Michael-Raubal-Preis für hervorragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet. Inzwischen ist er als freier Autor tätig. 2012 erschien sein Buch „Das Kartenhaus der Erkenntnis – Warum wir Gründe brauchen und weshalb wir glauben müssen“ in zweiter Auflage.

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Jürgen Fritz studierte Philosophie (Schwerpunkte: Erkenntnistheorie und Ethik), Erziehungswissenschaft, Mathematik, Physik und Geschichte (Lehramt). Für seine Philosophie-Abschlussarbeit wurde er mit dem Michael-Raubal-Preis für hervorragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet. Er absolvierte zusätzlich eine Ausbildung zum Financial Consultant, arbeitete etliche Jahre als unabhängiger Finanzspezialist und ist inzwischen als freier Autor tätig. 2012 erschien sein Buch „Das Kartenhaus der Erkenntnis – Warum wir Gründe brauchen und weshalb wir glauben müssen“ in zweiter Auflage.

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