Das hässliche Entlein 4

Das Huhn hatte ganz kleine, niedrige Beine, und deshalb wurde es Küken-Kurzbein genannt; es legte gut Eier, und die Frau liebte es wie ihr eigenes Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein, und die Katze fing an zu spinnen und das Huhn zu glucken. „Was ist das?“ sagte die Frau und sah sich rings um, aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, dass das Entlein eine fette Ente sei, die sich verirrt habe. „Das ist ja ein seltsamer Fang!“ sagte sie. „Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Enterich ist! Das müssen wir erproben.“
Und so wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen, aber da kamen keine Eier. Und die Katze war Herr im Hause und das Huhn war die Frau, und immer sagten sie: „Wir und die Welt!“ denn sie glaubten, dass sie die Hälfte seien, und zwar der allerbeste Teil. Das Entlein glaubte, dass man auch eine andere Meinung haben könne, aber das begriff das Huhn nicht. „Kannst du Eier legen?“ fragte es.

„Nein!“
„So wirst du deinen Mund halten!“
Und die Katze sagte: „Kannst du einen krummen Buckel machen, spinnen und Funken sprühen?“
„Nein!“

„So darfst du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute sprechen!“

Das entlein saß im winkel und war bei schlechter Laune; da fiel es ihm ein, an die frische Luft und den Sonnenschein zu denken, es bekam so sonderbare Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen.

„Was fehlt dir?“ fragte diese. „Du hast nichts zu tun, deshalb bekommst du die Grillen! Lege Eier oder spinne, so gehen sie vorüber.“ „Aber es ist schön, auf dem Wasser zu schwimmen“, sagte das Entlein, „so herrlich, es über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen und auf den Grund niederzutauchen!“

„Ja, das ist ein großes Vergnügen!“ sagte die Henne. „Du bist wohl verrückt geworden! Frage die Katze danach, sie ist die klügste, die ich kenne, ob sie es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen; ich will nicht von mir sprechen. Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau, klüger als sie ist Niemand auf der Welt! Glaubst du, dass sie Lust hat zu schwimmen und das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen?“

„Ihr versteht mich nicht!°“ sagte die Ente.

„Wir verstehen dich nicht? Wer soll dich denn verstehen können? Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als die Katze und die Frau, mich will ich nicht erwähnen! Bilde dir nichts ein, Kind, und danke deinem lieben Schöpfer für all das Gute, das man dir erwiesen! Bist du nicht in einer warmen Stube gekommen und hast einen Umgang, von dem du etwas lernen kannst? Aber du bist ein Schwätzer, und es ist nicht erfreulich, mit dir umzugehen. Mir kannst du glauben, ich meine es gut mit dir, ich sage dir Unannehmlichkeiten, und daran kann man seine wahren Freunde erkennen! Sieh zu, dass du Eier legst oder spinnen und Funken sprühen kannst!“ „Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt!“ sagte das Entlein. „Ja, tue das!“ sagte das Huhn.

Und so ging das Entlein; es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Hässlichkeit übersehen. Nun trat der Herbst ein, die Blätter im Walde wurden gelb und braun, der Wind riss sie ab, so dass sie umhertanzten, und oben in der Luft war es sehr kalt; die Wolken hingen schwer von Hagel und Schneeflocken, und auf dem Zaun stand der Rabe und schrie: „Au, au!“ vor lauter Kälte; ja man konnte ordentlich frieren, wenn man daran dachte.

 

 

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