Zum Glück war sie „compliancegestört“

Fallgeschichte 3, *Franziska P. – Die heute 54jährige Franziska P. muss seit nunmehr schon 11 Jahren eine Invalidenrente beziehen. Sie ist nicht mehr arbeitsfähig. Begonnen hatte ihre traurige Geschichte indes noch fast ein Jahrzehnt früher. Damals begannen sich Suizidgedanken aufzudrängen und sie rutschte immer tiefer in eine Depression.

Niemand konnte sich erklären warum, am wenigsten sie selbst. Natürlich hatte sie in der Pubertät Probleme gehabt, aber nicht mehr als andere. Und ihre Lehre als Informatikerin konnte sie eigentlich recht erfolgreich abschließen. Aber schon bei ihrem ersten Job fiel es ihr schwer sich zu konzentrieren. Sie wurde immer lustloser, nicht nur auf Arbeit, sondern auch im Umgang mit Freunden und der Familie. Immer seltener raffte sie sich dazu auf auszugehen. Nach und nach verzichtete sie sogar auf alle privaten Kontakte. Es wurde regelrecht einsam um sie. Zum Glück gab es da noch etwas, bei dem sie sich wohl fühlte: der Kampfsport. Nach einem Sportabend fühlte sich Franziska sogar bis zum nächsten Tag wohler, ein¬fach stärker, sowohl körperlich als auch psychisch.

Trotzdem war es dann eines Tages so weit, dass sie sich in psychiatrische Behandlung begab. Zunächst ambulant. Sie konnte es nicht mehr ertragen: dieses Niedergedrücktsein ohne jeden ersichtlichen Grund. Richtige Sorgen hatte sie doch nicht. Sie trieb Sport und war als Vegetarierin sehr auf eine gesunde Ernährung bedacht. Sie ging einer Arbeit nach, die ihr eigentlich hätte Spaß machen müssen. Wenn sie nur nicht ständig diese Unlust, diese Antriebslosigkeit befallen hätte!

Der Psychiater hörte zu. Für ihn stand schon in den ersten zehn Minuten fest: Franziska hatte eine Depression. Und da auch er keinen äußeren Grund auszumachen vermochte, konnte es nach Lehrbuch nur eine endogene sein, eine, die eben „von innen“ kam. Die könne sich – unbehandelt – über Jahre hinziehen, wurde ihr gesagt, und auch immer wiederkommen. Hilfe brächten deshalb nur eine Psychotherapie und entsprechende Medikamente. Und Franziska, noch mutloser geworden, willigte ein, Antidepressiva zu schlucken. Vielleicht halfen sie doch.

Es kam aber anders. Ihr Zustand begann sich in den folgenden Monaten noch zu verschlimmern, allmählich, aber deutlich. Bald war sie derart übel dran, dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Sogar ihre letzte Zuflucht, der Kampfsport, der ihr auch in schlechten Zeiten immer so gut getan hatte, schien ihr jetzt nichts mehr zu bringen. Ja, sie war gar nicht mehr in der Lage dazu, ihn auszuüben.

Franziska war verzweifelt. Die Suizidgedanken kamen jetzt täglich auf. Zwar wollte sie nicht unbedingt schon aus dem Leben scheiden, aber leben wollte sie auch nicht mehr. Jedenfalls nicht so. Sie gab auf. Sie ließ sich gehen. Sie vegetierte gleichsam vor sich hin.

Der Psychiater wusste auch nicht mehr weiter. Seine Antworten waren nur Dosiserhöhung bis zum erlaubten Maximum und dann die Kombination der verschiedenen Mittel. Alles ohne den gewünschten Erfolg. Franziska ging es nicht nur nicht besser, sondern zunehmend schlechter. Es ging ihr miserabel. Es gab nur noch eine „Lösung“: die Invalidenrente – der Ausweg, wenn jemand aufhört, ein „wirtschaftlicher Faktor“ zu sein, wenn er „ungültig“ oder „wertlos“ wird, zu Englisch eben: invalid.

Die staatliche Invalidenversicherung der Schweiz gewährte Franziska eine volle Rente nur unter der Voraussetzung, dass sie die ihr verordneten Psychopharmaka täglich schluckte. Wenn nicht, würde sie sofort wegfallen. Damit die Einnahme auch kontrolliert werden konnte, hatte der Psychiater alle paar Wochen den Wirkstoffspiegel im Blut zu bestimmen. Dann würde sich zeigen, ob Franziska auch wirklich bei der Medikation „mitmachte“, im Mediziner-Jargon: ob sie „compliant“ war. Sobald vom Labor signalisiert worden wäre, dass ihr Blut zu wenig Wirkstoff enthielt, der Psychiater sie deshalb als „compliancegestört“ hätte kennzeichnen müssen, wäre die Rentenzahlung eingestellt oder zumindest unterbrochen worden. Da Franziska aber gar keine Kraft mehr hatte, „incompliant“ zu sein, hielt die finanzielle Sicherung. Zunächst.

Trotzdem aber – oder vielleicht gerade deshalb – sah sie für sich keine Zukunft mehr. Und diese Aussichtslosigkeit hätte wohl angehalten, wenn sie nicht wenigstens noch hin und wieder ins Internet geschaut hätte. Dort las sie beiläufig, dass auch Eisenmangel depressiv machen könne. War das eine Chance? Hatte vielleicht auch sie ein Eisendefizit? Man konnte es doch wenigstens mal überprüfen, dachte sie und suchte schließlich einen Eisenspezialisten auf.

Ja, es war in der Tat so, wie sie insgeheim gehofft hatte: Ihre Eisenspeicher waren leer. Gleichzeitig fehlte ihr Vitamin B12. Ob ihre Depression damit zusammenhing, werde man nach den entsprechenden Infusionen und Spritzen sehen, hatte der Arzt gesagt.

Die Behandlung dauerte drei Wochen, zwei weitere danach folgte in der Sprechstunde eine erste Bilanz. Sie gab Hoffnung. Denn schon nach kurzer Zeit hatte Franziska gespürt, wie ihr Körper an Kraft gewann. Bald reichte die Energie wenigstens dafür, wieder zu den Sportstunden zu gehen, die sie so lange vermisst hatte. Würde sie am Ende doch wieder gesund werden können? Allein dieser Hoffnungsschimmer brachte ihr eine bessere Motivation im Alltag. Irgendwie machte wieder alles mehr Sinn. Auch die Selbstmordgedanken verschwanden zusehends.

Die Energie, die sie jetzt „getankt“ hatte, reichte auch, dem Arzt zu beichten, dass sie schon kurz vor der ersten Eiseninfusion dazu übergegangen war, die Psychopharmaka nicht mehr zu nehmen. Hatten sie ihr doch ohnehin nichts gebracht. Und jetzt, ohne sie, aber mit dem Eisen gab es erst kleine, doch dann immer größere Fortschritte. Bereits drei Monate nach der Behandlung fühlte sie sich so gut wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr. Franziska nahm wieder am Leben teil, war aber trotz allem nicht arbeitsfähig. Den Belastungen eines Jobs war sie noch nicht gewachsen. Auch fehlten ihr inzwischen die Erfahrungen und die Übung von 10 Jahren Arbeitsleben. Der anhaltende Mangel, ja Entzug von Selbstvertrauen während der depressiven Dunkelheit, verbunden mit dem „Makel“ einer psychiatrischen Krankheit, würde nicht so schnell verschwinden können. Zudem hatte der beständige „Hunger“ ihres Körpers nach Eisen Spuren hinterlassen, die sich nicht von heute auf morgen verwischen ließen. Dieser Hunger war jahrelang nicht erkannt worden. Weil man ihn letztlich hatte mit Antidepressiva „stillen“ wollen, konnte Franziska in dieser Zeit ihr Leben nicht wirklich leben.

Franziska P. weiß inzwischen, dass ihr Körper zu einem Mangel an Eisen neigt und dass angesichts dieser Tendenz ihre vegetarische Ernährung nicht gerade optimal ist. Aber eine Umstellung der Ernährung auf Fleischkost würde ihr nicht zusagen.

So entschied sie sich, diese Speicher – sofern überhaupt notwendig – alle paar Monate wieder auf den erforderlichen Füllstand bringen zu lassen. Da sie keine Regelblutung mehr hatte, brauchte sie künftig vielleicht gar keine Infusionen mehr. Die Zukunft wird es zeigen. Sonst würde etwas „nachtanken“ alle Beteiligten auf jeden Fall weniger teuer zu stehen kommen als eine permanente Einnahme von Psychopharmaka. In jeder Beziehung übrigens – finanziell, aber auch hinsichtlich der Lebensqualität. Das Wichtigste aber war: Sie hatte ihre Würde wieder gefunden – ein Wort übrigens, das bisher in kein medizinisches Lexikon Eingang fand.

*Name geändert

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Für FrauenBlog von Dr. med. Beat Schaub, Swiss Iron Health Organisation SIHO

Dr. med. Beat Schaub
Erstes Ärztliches Eisenzentrum, Binningen (www.eisenzentrum.org)
Swiss Iron Health Organisation SIHO, Basel (www.siho-global.org)
Praxisstudie der SIHO (www.eurofer.ch)

 

 

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