Der kurdische Krieg ist nicht vorbei

«Der Satz ist falsch!» Darauf beharrte Hasibe mit all ihrer Sturheit. Eigentlich ging es um den Komparativ, aber der war ihr in diesem Moment egal. Dass sie die Aussage «Ich finde die blaue Bluse schöner als die rote Bluse» auf keinen Fall so stehen lassen konnte, lag einzig daran, dass Rot ihre Lieblingsfarbe war. Meine einzige Chance, zum Thema zurückzukehren, war eine Umformulierung des Beispiels: «Ich finde die rote Bluse schöner als die blaue Bluse.»
Ein Jahr lang habe ich Deutsch als Fremdsprache in der Südosttürkei unterrichtet, oder wie die Einheimischen sagen, in Nord-Kurdistan, in der Kleinstadt Nisêbîn (Nusaybin), die vor kurzem durch die Medien geisterte, als die türkische Polizei dort einen 10-jährigen Knaben erschoss, weil er sich am Grenzzaun zu Syrien aufhielt. Zusammen mit hunderten anderen Kindern und Erwachsenen tat er seine Solidarität mit den kurdischen Kämpfern kund, die auf der anderen Seite des Zauns die Stadt Kobane gegen die Angriffe des IS verteidigten.

In Nisêbîn waren auch während meines Aufenthaltes 2010 täglich kleine Panzer unterwegs, und wenn man abends im Café am Fluss sass, wurde man regelmässig von Tränengaswolken eingenebelt, die Polizei und Armee gegen kurdische Kinder einsetzten, die ihrerseits die Fahrzeuge der Sicherheitskräfte mit Steinen bewarfen. Damals sprach in Europa niemand über Kurdistan, und ich kam mir vor wie Kassandra, als ich wiederholt in die Schweiz und nach Deutschland schrieb: «Der kurdische Krieg ist nicht vorbei.» Inzwischen hat sich dies leider bestätigt.

Yasemin

In einem Schulzimmer mit 20 Stühlen unterrichtete ich eine Gruppe von jeweils 20 bis 30 jungen Erwachsenen. In meinen Klassen mischten sich junge Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Bildungsniveaus. Es gab einige, die kaum Lesen und Schreiben konnten, aber auch Uni-Absolventen – doch das Ziel war für alle das gleiche:

Nach drei Monaten Intensivkurs mussten sie beim Goethe-Institut in Ankara die Zertifikatsprüfung A1 bestehen. Ohne dieses Diplom erhielten sie kein Visum für Deutschland, und dort wollten sie alle hin – ihr zukünftiger Ehepartner wartete schon auf sie. Seit 2007 ist ein A1-Zertifikat laut deutschem Gesetz eine der Grundvoraus-setzungen für den Ehegattennachzug. Seitdem der Europäische Gerichtshof dieses Gesetz im Juli 2014 für rechtswidrig erklärt hat, wird darüber diskutiert, ob man es anpassen oder abschaffen muss. Grund für das Urteil war die Klage einer türkischen Analphabetin, die seit Jahren darauf wartet, mit den vier gemeinsamen Kindern zu ihrem Ehemann nach Deutschland zu ziehen, aber bisher auf Grund des fehlenden Deutschzertifikats kein Visum erhalten hat.

Schülerinnen wie sie hatte ich in Nisêbîn öfter. Da war zum Beispiel Yasemin. Vor dem Kurs hatte sie kaum Lesen und Schreiben können, doch nach zwei Monaten war sie mutig genug, um vor der Klasse laut zu lesen oder an die Tafel zu schreiben. Ich bewunderte sie:

Yasemin, die immer lachte, Yasemin mit den langen, kohlrabenschwarzen Haaren, die sie immer seltener unter einem halbdurchsichtigen Kopftuch versteckte. Yasemin, die eigentlich immer gut gelaunt war, bis sie plötzlich explodierte, ihr Heft auf den Tisch knallte und rief: «Es hat ja alles doch keinen Sinn!» Yasemin, deren Mutter starb, als sie drei Jahre alt war und die mit ihren 19 Jahren für den kompletten Haushalt verantwortlich war. Für ihren Vater, ihre Brüder und ihre Onkel kochte, wusch und putzte sie, daneben hatte sie 20 Kühe und Ziegen zu versorgen. Sie verrichtete Feldarbeit und stellte Yoghurt, Käse und Brot für die Familie her – auch während der Zeit, in der sie den Deutschkurs besuchte. Das bedeutete, dass sie um fünf Uhr aufstand und oft nicht vor Mitternacht ins Bett kam. Trotzdem arbeitete sie im Unterricht konzentriert mit und schaffte ihre Prüfung nach dem dritten Versuch. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Kindern in Deutschland.

Mehr kurdische Frauengeschichten lesen Sie in meinem neuen Buch:

mutterhabkeineangst

Nicole Maron. «Mutter, hab keine Angst – die Geschichte von Zerins Flucht».
Bestellbar beim Verlag elfundzehn: www.elfundzehn.ch, mailbox@elfundzehn.ch
CHF 29.50 / Euro 26.50 ; ISBN 978-3-905769-37-1

 

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