Mutter, hab keine Angst

Die Geschichte einer kurdischen Flüchtlingsfamilie in Buchform. – Mein neues Buch «Mutter, hab keine Angst – die Geschichte von Zernis Flucht» erscheint zu einem Zeitpunkt, in dem es leider sehr aktuell ist: Nicht nur das Schicksal von Flüchtlingen bewegt die Welt wie selten zuvor; auch das Leiden des kurdischen Volkes findet in der Öffentlichkeit plötzlich grosse Beachtung. Zu beiden Themen – der Flüchtlings- und Asyldebatte im Allgemeinen und der Geschichte der Kurd_innen – möchte ich mit «Mutter, hab keine Angst» einen Beitrag leisten.

Das Buch soll nicht nur helfen zu verstehen, warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen und was diese folgenschwere Entscheidung für sie bedeutet, sondern auch dem kurdischen Volk eine Stimme geben. Die Geschichte von Zerin, die nicht nur als Kurdin, sondern auch als Frau und Mutter so viel durchgemacht hat, steht exemplarisch für die Geschichte vieler kurdischer Frauen. Anhand von Zerins Lebensgeschichte wird verständlich, in welcher desolaten Situation sich die Kurd_innen seit fast 100 Jahren befinden – dadurch ist die Lektüre auch ein Schlüssel zum Verständnis des aktuellen Konflikts im Nahen Osten.

In den letzten Wochen waren die Medien voll von Berichten über die Situation in Kurdistan, wo die radikale Gruppierung «Islamischer Staat» (IS) Zivilist_innen auf brutalste Weise umbringt, Frauen vergewaltigt und zwangsverheiratet und auch vor Kindern nicht Halt macht.

„Basel“: In Basel demonstrierten 5000 Menschen gegen den IS-Terror und die Tatenlosigkeit der westlichen Staaten.
In Basel demonstrierten 5000 Menschen gegen den IS-Terror und die Tatenlosigkeit der westlichen Staaten.

Als ich vor einem guten Jahr, nach der Volksabstimmung über das Botschaftsasyl, begonnen habe, ein Buch über kurdische Flüchtlinge zu schreiben, konnte ich nicht ahnen, wie aktuell das Thema zum Zeitpunkt der Erscheinung sein würde. Ich wünschte, dem wäre nicht so, denn ich erlebe diesen Krieg, der für die meisten weit entfernt ist, als Teil meines Alltags. Seit vielen Jahren pflege ich Freundschaften mit Kurd_innen in der Türkei und in Europa, und die meisten von ihnen haben Bekannte oder Verwandte, die umgekommen oder seit Jahren verschollen sind. Denn der Krieg gegen das kurdische Volk ist mit den Angriffen des IS nur in eine neue Runde gegangen: In den vergangenen 100 Jahren sind hunderttausende von kurdischen Zivilist_innen Opfer von Gewaltverbrechen geworden, die allermeisten durch die Hand der jeweiligen Regierungen in der Türkei, im Irak, im Iran und in Syrien.

An der Vernissage meines Buches «Mutter, hab keine Angst» am 11. November werde ich die traurige Aufgabe haben, sehr vieler Toter zu gedenken. Erst letzte Woche erreichte mich eine Nachricht aus dem umkämpften Kobane in Westkurdistan (Nordsyrien): IS-Kämpfer sind in den von ihnen eroberten Stadtteilen in Häuser eingedrungen, unter anderem um sich mit Nahrung zu versorgen. Ein kleiner Junge, der sich bewusst war, dass die Brote, die die Uniformierten aus dem Vorratsschrank rissen, ihre letzten waren, protestierte mit den Worten: «Das ist unser Haus, und das ist unser Essen. Das könnt ihr nicht einfach mitnehmen.» Ob der Junge sehr mutig war oder einfach nicht wusste, wem er sich da in den Weg stellte, werden wir nie erfahren: Er wurde sofort geköpft.

Ein Mädchen, das überlebt hat, schreit ihre Wut, ihre Angst und ihre Verzweiflung auf eine Weise heraus, die einem das Blut in den Adern stocken lässt:

Die Türkei lässt auf Demonstranten schiessen

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan sagte letzte Woche, es gebe keinen Unterschied zwischen der kurdischen Arbeiterpartei PKK und dem IS – beides seien Terroristen. Die kurdische Arbeiterpartei PKK – deren syrische Schwesterpartei YPG/YPJ in Kobane dem IS Widerstand leistet – wird von der Türkei seit über 30 Jahren blutig bekämpft: Hunderttausende von Soldaten und fast 100 Milliarden Dollar wurden in den Krieg gegen die Guerilla investiert. Warum so viele Kurd_innen sich der Guerilla angeschlossen haben, die seit über 30 Jahren für die Anerkennung der Rechte ihres Volkes kämpft, ist eine der Tatsachen, die man nach der Lektüre des Buches «Mutter, hab keine Angst» besser versteht – etwa am Beispiel der 14-jährigen Hevidar, der kleinen Schwester der Hauptperson Zerin. Sie ging in die Berge, nachdem sie unschuldig verhaftet und gefoltert wurde. Das ist 20 Jahre her, und ihre Familie hat nie wieder etwas von ihr gehört.

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Selbst alte Frauen sind gezwungen, ihre Dörfer selbst zu verteidigen.

Es ist gut möglich, dass Hevidar heute in Kobane kämpft. Während die türkischen Panzer seit geraumer Zeit an der Grenze stehen und die IS-Angriffe unbeteiligt beobachten, verteidigen Kurdische Kämpfer_innen der PKK und der YPG/YPJ die Stadt seit Wochen allein. Mediale Aufmerksamkeit erregt haben in den letzten Monaten auch die Frauen-Einheiten der kurdischen Selbstverteidigungskräfte. Doch selbst alte Frauen haben Waffen in die Hand genommen um ihre Dörfer zu schützen, als klar wurde, dass sie sich auf die irakisch-kurdischen Peschmerga nicht verlassen konnten.

Dass die Türkei den IS nicht nur finanziell unterstützt und mit Waffen ausrüstet, sondern auch verletzte Kämpfer in ihren Krankenhäusern wieder schlachtreif macht, hat in den letzten Wochen Kurd_innen weltweit auf die Strasse getrieben. In der Türkei riskieren sie dabei ihr Leben: Die türkischen Sicherheitskräfte haben nicht nur mit Tränengas, sondern auch mit scharfer Munition in die Menge geschossen. Fast 40 Zivilisten sind dabei ums Leben gekommen. Ein Teil davon geht auf das Konto der türkischen Hisbollah, die den Sicherheitskräften zur Seite steht. Dies erinnert an den Bürgerkrieg anfang der 90er Jahre, als die türkische Hisbollah – nicht zu verwechseln mit der libanesischen Hisbollah – in der Südosttürkei Angst und Schrecken verbreitet und tausende von kurdischen Zivilist_innen getötet hat. Wie sich später herausstellte, im Auftrag des Staates, der die Hisbollah im Kampf gegen die PKK einsetzte.

Mehr dazu:
http://civaka-azad.org/tuerkische-hizbullah-und-andere-mafioese-strukturen-kontrabanden-der-heutigen-zeit/

Das Botschaftsasyl hat Leben gerettet – bevor es abgeschafft wurde

Die aktuelle Lage in Kurdistan ist das Resultat eines Konflikts, der seit Jahrzehnten andauert. Genau diese Hintergründe zeige ich im Buch «Mutter, hab keine Angst» am Beispiel der Lebensgeschichte einer kurdischen Grossfamilie auf. Zerin Korkmaz ist 1965 in einem kleinen Dorf in der Südosttürkei geboren und in einer Zeit aufgewachsen, in der die Kurd_innen in der Türkei unter Generalverdacht standen. Fünf ihrer Geschwister wurden wegen Verdacht auf terroristische Aktivitäten unschuldig verhaftet und gefoltert, ihr Mann starb auf Grund der Repressionen durch die Hisbollah und liess Zerin mit zwei kleinen Kindern allein zurück. Trotz aller Widrigkeiten schaffte sie es, ihre kleine Familie über Wasser zu halten, bis schliesslich auch sie und ihr älterer Sohn aus heiterem Himmel verhaftet wurden. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis schafften es die beiden, ins Ausland zu fliehen, und erhielten schliesslich per Botschaftsverfahren Asyl in der Schweiz.

«Mutter, hab keine Angst» ist eine wahre Geschichte, doch weit entfernt von einem trockenen Tatsachenbericht. Aus der Sicht der Hauptperson Zerin geschrieben, liest sich das Buch eher wie ein Roman. Am Beispiel von Zerins Familie wird deutlich, was hinter dem Kurdenkonflikt steckt und wie die türkische Regierung mit Minderheiten und Oppositionen umgeht. Nach der Lektüre dieser Geschichte wundert man sich nicht mehr darüber, dass in der Türkei jede Demonstration – sei es für Taksim, das Grubenunglück von Soma oder eben gegen den IS – mit Toten endet, und dass die Verantwortlichen straffrei ausgehen.

In «Mutter, hab keine Angst» werden Augenzeugenberichte und Rapporte von Menschenrechtsorganisationen publik, die der breiten Öffentlichkeit bisher kaum bekannt waren und viel dazu beitragen, auch die aktuelle Lage besser zu verstehen. Im Vordergrund steht jedoch stets die Geschichte von Zerin: Die detailgetreue Nacherzählung ihres Lebens bietet nicht nur einen intimen Einblick ins Leben von Flüchtlingen, sondern führt einen auch vor Augen, wie viel es braucht, bis jemand seine Heimat verlässt – wie viel Schmerz, wie viel Gewalt, wie viel Ungerechtigkeit.

Das Buch ist ein Aufruf, sich der Flüchtlingsthematik einmal von einer anderen Seite zu nähern:

Aus der Perspektive der Menschen, die kommen, weil sie keine andere Chance haben, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Quelle : Éric Denécé, Frédérique Poulot; Dico atlas des conflits et des menaces : guerres, terrorisme, crime, oppression. Paris 2010: Éditions Belin
Quelle : Éric Denécé, Frédérique Poulot; Dico atlas
des conflits et des menaces : guerres, terrorisme, crime,
oppression. Paris 2010: Éditions Belin

Kurdistan umfasst ein Gebiet von 500’000 Quadratkilometer und ist damit rund zehn Mal grösser als die Schweiz.

Aus dem Nachwort:

«Als wir im Deutschunterricht an der Mittelschule in die griechischen Heldensagen eingeführt werden sollten, forderte uns unser Deutschlehrer auf, aufzustehen und den Namen einer Person an die Tafel zu schreiben, die wir für einen Helden hielten. Ich blieb sitzen. So sehr ich auch überlegte, mir fiel niemand ein, den ich mit diesem grossen, fast dramatischen Begriff hätte bezeichnen können. Was meine Mitschüler an die Tafel schrieben, schockierte mich. Mehr als die Hälfte der Namen, die dort standen, waren die Namen von Sportlern. Fussballspieler, Tennisspieler, Skifahrer. Was hatten sie schon getan, um diesen Titel zu verdienen? Doch einen sinnvollen Gegenvorschlag hatte ich auch nicht. Heute, fast zwei Jahrzehnte später, habe ich meine Antwort gefunden: Es sind Namen wie Zerin, Rohat und Azad, die ich an die Tafel schreiben würde – die wahren Helden unserer Zeit sind für mich die Flüchtlinge. Dass offenbar hunderttausende von Menschen in unserem Land und Millionen von Menschen weltweit diese Helden als minderwertig und ihre Leiden als selbstverschuldet betrachten, macht mich sprachlos. Das ist der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe: Ich möchte jenen, die sich nie gefragt haben, was es heisst, unschuldig verurteilt, verfolgt und misshandelt zu werden, eine Geschichte erzählen, die sie vielleicht dazu bringen kann, ihre Haltung noch einmal zu überdenken. Aber vielleicht bin ich mit dieser Hoffnung viel zu optimistisch.

Eine junge Menschenrechts-Botschafterin von Amnesty International erzählte mir letztes Jahr von einem Menschenrechtscamp auf Lampedusa. Was sie dort erlebt und erfahren hat, hat ihr Leben verändert. Doch als sie erschüttert zurück in die Schweiz kam und in ihrem Freundeskreis darüber berichtete, was an der italienischen Südgrenze vor sich geht, hat man ungläubig reagiert. «Wenn das wahr wäre, hätte es ja längst einen Aufschrei gegeben!», hielt ihr ein Kollege vor. «Dann hätten wir doch längst davon gehört.» Doch genau das ist das Problem – diese Dinge passieren wirklich, und es gibt keinen Aufschrei. Die Katastrophe ist längst Realität, und dies in unserer unmittelbaren Umgebung – doch kaum jemand nimmt dies wahr. Ich möchte Sie von Herzen bitten: Hören Sie denen zu, die darüber sprechen – und glauben Sie ihnen. Sehen Sie nicht weg. Schreien Sie, wenn Ihnen danach ist. Schreien wir!»

Nicole Maron, im Oktober 2014

 

Nicole Maron: «Mutter, hab keine Angst – die Geschichte von Zerins Flucht». 180 Seiten, gebunden. CHF 29,50.
Verlag elfundzehn, ISBN 978-3-905769-37-1.
Vernissage am 11. November 2014, 20:00, Helferei Grossmünster, Zürich
Lesung im RomeroHaus Luzern am 18. November, 18:00 Uhr

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