Das Tränentier

Eines Tages kam über den Berg das Tränentier gegangen. Es schaute auf den blauen Himmel und auf die weißen Wolken und dann weinte und weinte und weinte es dicke, glitzernde Krokodilstränen. Es saß einfach da, und wenn es einmal weniger weinte, ließ es seine strohblonden Löckchen wie feine Glöckchen klingeln. Das hörten die Leute, kamen herbei und verstanden nicht, warum das hübsche Tierchen so sehr weinte.
Man fragte es, doch es antwortete nicht. Es schluchzte eine Antwort, die niemand verstand. Kinder kamen und streichelten sein weiches Fell. Es reckte sich und zitterte, aber es weinte stets weiter. Hunde rochen an ihm, leckten ihm über die Ohren und legten sich zu ihm. Katzen strichen um sein Körperchen, schnupperten und begannen zu schnurren. Doch niemand vermochte es, das Tränentier zu beruhigen, bis der Brunnenmann aus seinem Brunnen gestiegen kam und auch helfen wollte. Jeder wußte, dass der Brunnenmann, über und über bedeckt mit grünem Moos und Flechten, der klügste Mensch der Welt war, und so hatten alle die Hoffnung, er könnte dem seltsamen Wesen endlich helfen.

Doch sogar er war ratlos, er horchte dem Tränentier das Herz und die Lungen ab, er schaute ihm in die wasserblauen Augen, er hörte auf die Frequenzen seiner Schluchzer und nahm es dann hoch auf den Arm. Genau in diesem Moment erschien die kleine Leila, die hochmütige Tochter des Stadtgrafen. Sie wies die Wachen an, ihr den Weg freizumachen, um das komische Tier selber anzuschauen. “Mit deinem Geheule verdirbst du mir meinen ganzen Tag, du dummes Vieh”, schrie sie hoch zu dem Tierchen, das auf dem Arm des riesigen Brunnenmannes saß. Dieses war gerade ein wenig ruhiger geworden. “Ich kann mir noch nicht einmal meine schönen roten Locken mehr bürsten, damit sie noch mehr glänzen”, raunzte sie. Da fing das Tränentier wieder bitterlich zu weinen an, und große Tropfen fielen wie regenbogenfarbene Perlen vom Arm des Brunnenmanns. Und direkt in die stolzen Augen der kleinen Leila. Sie durchdrangen ihr hartes Herz und machten aus ihr ein ganz normales liebes Mädchen, mit dem von nun an alle spielen wollten, im Gegensatz zu früher. Und da wusste der Brunnenmann, warum das Tränentier zu ihnen gekommen war und wie man ihm helfen konnte.

Zusammen mit der Herrin des Holzes baute er ihm ein wunderschönes Baumhaus, wo es in luftiger Höhe frei und ohne Sorgen mit viel weniger Tränen wohnen konnte. Und wenn wieder einmal jemand zu hoffartig wurde, brauchte man ihn nur unter das Baumhaus zu stellen, das Tränentier weinte ein bisschen, dann war sämtlicher falscher Stolz gebrochen.

Von Viola Eigenbrodt

 

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