Auf der Flucht

Mohamud ist ziemlich schwer beschäftigt. Als er ein wenig verspätet zu unserem Gespräch auftaucht, entschuldigt er sich besonders höflich. Und dann erzählt er von seinem Leben, drei Stunden länger als verabredet. Der heute 32-Jährige trägt ein grau-gestreiftes Hemd und passende graue Stoffhosen. Einen stärkeren Kontrast zu der vor Hitze flirrenden, sandigen Atmosphäre im Flüchtlingslager Dadaab könnte es kaum geben.

Mohamud Hajir erblickte 1980 in Somalia das Licht der Welt und wuchs in einer großen Familie auf: „Mein Vater hatte zwei Frauen und sieben Kinder, ich war das vierte. Wir haben immer als Bauern gearbeitet, wir gehören der Volksgruppe der Bantu an und sind eine Minderheit in Somalia.“ Als der Bürgerkrieg 1990 ausbrach, wurden Minderheiten wie die Bantu bald zur Zielscheibe von Gewalt und Hass, erzählt Mohamud: „Die anderen haben sich einen Spaß daraus gemacht, uns zu provozieren. Kurz vor der Ernte haben sie ihre Rinder auf unsere Felder gebracht. Die haben dann alle Pflanzen aufgefressen.“

Mohamuds Familie besaß viel Shamba – so heißt das Land in ihrer Sprache. Viel Shamba bedeutet wenig Hunger. Aber die vermehrten Angriffe brachten das Einkommen der Familie in Gefahr. Und so verbrachte Mohamuds Vater die Nächte auf dem Feld, um die Ernte zu bewachen. „Er hat versucht, die Rinder zu verscheuchen. Die Männer haben das mitbekommen und ihm gesagt, dass ihm das Land jetzt nicht mehr gehöre. Dann haben sie ihn einfach erschossen.“ Kurz nach der Ermordung seines Vaters wurde Mohamuds Mutter krank und starb ebenfalls. Der Tod
seiner Eltern hat bei Mohamud tiefe Wunden hinterlassen und beschäftigt ihn bis heute. „Als ich groß wurde, habe ich mir oft gewünscht, bei meinem Vater zu sein. Ich bin nie wirklich über seinen Tod hinweggekommen.“

Als der damalige somalische Präsident Siad Barre im Mai 1991 gestürzt wurde und der Bürgerkrieg seinen Höhepunkt nahm, wurde die Situation für die Menschen in Somalia sehr gefährlich. Mohamuds Stiefmutter und sein ältester Bruder entschieden sich schließlich zur Flucht. Sie liefen Hunderte Kilometer zu Fuß, hatten tagelang nichts zu essen und trinken. Viele von ihnen wurden krank. Einige Kinder starben in den Armen ihrer Mütter. Der damals 10-jährige Mohamud litt unter furchtbaren Blasen an seinen Füßen.

Eine Unterkunft nach langem Marsch – und dann der Horror

„Schließlich erreichten wir den Ort Hanyo. Ich erinnere mich an den Tag, als wäre es gestern gewesen. Wir waren acht oder neun Familien und wollten die Nacht dort verbringen. Wir waren alle sehr müde, weil wir den ganzen Tag gelaufen waren. In der Nacht wurde ich plötzlich wach. Ich hörte Schüsse und Schreie. Später erzählte meine Stiefmutter mir, dass Banditen das Lager überfallen und meine Schwester und drei andere Mädchen entführt hatten. Damit ihnen niemand folgt, haben sie immer wieder in die Luft geschossen. Dann haben sie die Mädchen vergewaltigt.“ Die Banditen ließen ihre Geiseln nach ein paar Stunden wieder frei. Doch für Mohamuds Schwester und für ihn selbst war nichts mehr wie zuvor. Obwohl die Banditen all ihre Reserven gestohlen hatten, liefen die Flüchtlinge weiter, ganze zwei Tage lang. Dann endlich erreichten sie Dhoble, eine Stadtan der Grenze zu Kenia. Dort nahmen Mitarbeiter des Flüchtlingswerkes der Vereinten Nationen ihre Daten auf und brachten sie mit Lastwagen in das Flüchtlingslager Dadaab im Nordosten Kenias. Das war im Juni 1992. Mohamud war inzwischen zwölf Jahre alt.

„In Dadaab wurden wir in ein Camp namens Dagahaley gebracht und man wies uns Zelte zu. Ich bekam Tabletten und meine jüngeren Geschwister wurden in ein Krankenhaus gebracht. Sie waren sehr dünn und mussten einen Monat lang im Krankenhaus bleiben. Drei Monate später kamen wir in die Schule. Ich war sehr aufgeregt, denn für mich war es das allererste Mal, dass ich ein Klassenzimmer betrat. In Somalia hatte ich ja immer nur bei der Feldarbeit geholfen.“ Die Schule wurde von CARE betrieben und war für alle Flüchtlingskinder umsonst. Damit auch alle Eltern davon wussten und Minderheiten wie die Bantu ebenfalls in die Schule gehen konnten, führten CARE-Teams Kampagnen im Camp durch. Den Eltern wurde erklärt, warum Bildung wichtig ist und wie sie das Leben ihrer Kinder verbessern kann. Mohamud war ein ehrgeiziger Schüler, der seine Lehrer sehr bewunderte. Er erinnert sich bis heute an zwei CARE-Lehrer, Mary und Peter. „Einmal brachte mir Mary drei Bücher mit, obwohl ich nur um eines gebeten  hatte.“

Aber auch in Dadaab wurde die Familie von der Vergangenheit verfolgt. „Einige der Gefahren, wegen derer wir aus Somalia geflohen waren, gab es auch in Dadaab“, erinnert sich Mohamud mit einem gequälten Lächeln. Auch hier gab es Verbrecher und Vergewaltiger. Sie kamen meist nachts, wenn alle schliefen, und missbrauchten die Frauen und Mädchen. Manchmal lauerten sie ihnen auch tagsüber auf, wenn die Frauen das Lager verließen, um Feuerholz zu sammeln.

Beitrag von Obando Ekesa und Sabine Wilke.

Lesen Sie nächste Woche hier die Fortsetzung von Mohamud Hajirs Geschichte.

Aus: care_affair  / care.de

 

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