Ritter Eisenbart

Seine Rüstung war schimmernd und schwarz, wenn er über die schneebedeckten Berge ritt, auf einem großen braunen Pferd. Nur wenige konnten ihn sehen, denn Ritter Eisenbart erschien nur denjenigen, die reinen Herzens waren. Hatten sie Kummer oder Leid, konnte man ihn von weitem nahen sehen, wie er vom Himmel herabzugleiten schien und gleich hinter dem Sonnenaufgang listig lächelnd mit Rat und Tat jedem beiseite stand, der ihn brauchte. Denn sein Herz war groß, zu groß beinahe, um all das Leid fassen zu können, das man bei ihm ablud. Und so kam es, dass Ritter Eisenbart, den man so nannte, weil er unter seinen leuchtend graublauen Augen einen leicht eisengrauen Bart trug, eines Tages selber traurig wurde. Sein Herz war übervoll und schmerzte.
Er band sein Pferd an einem Sonnenstrahl fest, ließ es an den zarten Wolken weiden und ging davon. Weit, weiter, viel weiter, immer dem Lauf des Goldenen Flusses entlang, der sich in kleinen und großen Mäandern durch die blühenden Wiesen des Frühlingstals wand. Doch nicht die schönsten, nicht die buntesten Blumen, die zartesten Düfte, nicht die schillernsten Schmetterlinge oder gar das honigsüße Brummen der gerade erwachten Hummeln konnten sein schwermütiges Herz erfreuen. Immerfort dachte er an das Leid der anderen und nicht einmal an den Schmerz, der in seinem Inneren ruhte, fast vergessen, in einer Kammer seines Herzens, die er fest verschlossen hatte. Als das Pochen zu stark wurde, setze er sich unter die grünen Äste eines Weidenbaums, trank einen Schluck Wasser vom Goldenen Fluss, lehnte sich gegen den breiten Stamm, schloss die glänzenden Augen und schlief ein.

Ihm ward, als sähe er eine Gestalt, die aus Sonnenlicht gemacht schien, direkt auf sich zu kommen, sie setzte sich neben ihn, nahm seine Hand und sprach: “Ich weiß um deinen Schmerz, starker Ritter, erst er hat dich zu dem gemacht, was du heute bist. Nimm deine Erinnerung aus der kleinen Kammer, schau sie dir an, und fange an sie zu lieben, denn sie gehört zu dir, sie macht dich zu dem, was du bist wie alles andere, was du bisher erreicht und getan hast”.

Dann streichelte sie zärtlich seine Wangen und war ebenso schnell verschwunden, wie sie ihm erschienen war. Ritter Eisenbart erwachte, sah verwundert auf die im Mittagslicht glitzernde Oberfläche des Flusses, sah die Fischlein munter schwimmen, und fragte sich, warum er zum erstenmal nicht geträumt, wie er das Leid der anderen erlösen könne, sondern von sich selbst. So er nahm all seinen Mut zusammen, öffnete die versteckte kleine Kammer seines Herzens und schaute hinein. Ein kleiner Junge sah zu ihm auf, jung, gefühlvoll und voller Fantasie, ein verträumter Spring-ins-Feld, der gerne Späße machte und Freude an der Freude seiner Zuschauer hatte. Das gefiel aber nicht allen.

Die Zauberin vom alten Schloss, in deren Garten er häufig spielte, hasste das Lachen der Kinder, hervorgerufen durch die Kaspereien des jungen Ritter Eisenbart. Und kam eines Tages gegangen, packte ihn, und steckte ihn in ein großes Tintenfass, in dem er nichts mehr sah, nichts mehr hörte, nichts mehr fühlte und ganz alleine war. Er weinte bitterlich, während die Zauberin endlich ihre Ruhe hatte. Da begann er seine Fantasie zu benutzen, und siehe, eine Feder und ein Gänsekiel kamen zum Vorschein, die auch im Tintenfass steckten. Er konnte damit den grossen Kork, der das Tintenfass verschloss, von unten abheben, hinausklettern und weit weit weg laufen.

Er fand Unterschlupf bei einem König in einem anderen Land und wurde zu dessen Ritter. Weil er durch sein eigenes Ungemach wusste, wie schlimm es einem ergehen kann, wenn man Unrecht erfahren muss, wurde er allmählich zum Ritter Eisenbart, der geliebt und gebraucht wurde. Er stand auf von seinem Platz unter dem Baum, schüttelte seine Glieder, reckte sich und sah lächelnd hinauf in den unendlichen Himmel, der ihm seine Augen so tief und blau gefärbt hatte. Freude kehrte zurück in sein Herz, und er wanderte langsam zurück zu seinem treuen Weggefährten, seinem Braunen. Und er hatte sich etwas vorgenommen: die Gestalt wieder zu finden, die ihm das Glück zurück gebracht hatte, und er wusste, er würde sie finden.

von Viola Eigenbrodt  

Lesen Sie hier nächste Woche die Fortsetzung: „Die Herrin der Blumen“

 

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