Top 10 der Hochzeitsbräuche, die meistens nach hinten losgehen

Foto: Alexander Vejnovic

Für Kunden, die mich als Hochzeitsfotograf buchen, soll es der mit Abstand schönste Tag im Leben werden und die Erwartungen sind entsprechend groß. Doch wenn die Messlatte hoch liegt, steigt das Risiko, darüber zu stolpern. Schon der ganz normale Hochzeitsstress reicht aus, die Nerven flattern zu lassen – da bedarf es auf keinen Fall zusätzlicher Hürden in Gestalt idealisierter Hochzeitsbräuche.

Nicht jede Tradition verpflichtet!

Längst nicht alles, was als unverzichtbares Ritual gilt, bringt auf einer Hochzeit den gewollten Effekt. Fast immer handelt es sich meiner Erfahrung nach um zusätzliche Stressfaktoren, die zu Pannen, Patzern und anderen Unannehmlichkeiten führen. Im Nachhinein sehr ärgerlich und nicht mehr rückgängig zu machen – passiert ist passiert. Ich habe gar nichts gegen „Something old, something new, something borrowed, something blue, and a silver sixpence in her shoe“ einzuwenden, und auch viele andere Traditionen sind mir sympathisch. Das soll jedes Brautpaar so halten, wie es mag. Vor den Bräuchen, deren Durchführung mehr Ärger als Spaß bereitet und die einem glücklichen Ablauf des Festes oft ebenso wie der Fotoqualität im Wege stehen, möchte ich aber dringend abraten. Für mich sind es klassische Hochzeitsmythen, idealistisch überbewertet und von ergreifenden Hollywoodfilmen inspiriert. Aber Szenen, die auf der Leinwand großartig wirken, sind das Ergebnis vieler Drehproben. Bei einer echten Hochzeit gibt es nur den einen Versuch! Meine Top 10 der überflüssigsten Hochzeitsbräuche ist daher als praktische Entscheidungshilfe gegen Stress und Chaos bei der Hochzeit zu verstehen.

Hochzeitsbrauch 1: Blumenkinder

Ich weiß, das ist ein harter Auftakt – keine Blumenkinder? Die süßen Kleinen, die im feinen Kleidchen oder Sonntagsanzug Blüten streuen, gehören für viele Brautpaare unbedingt dazu. Im Film sieht das auch immer total putzig aus. Wirklich, ich verstehe das – und rate trotzdem ab. Gegen Kinder auf der Hochzeit habe ich nicht das Geringste einzuwenden, sie sollten nur keine Aufgaben übernehmen, die sie in den Mittelpunkt rücken. Viele reagieren nämlich schüchtern oder sogar ängstlich auf die geballte Aufmerksamkeit. Kameras, die Menschenmenge, im Mittelpunkt stehen – ich habe schon mehr als einen Blumenkorb fallen und mehr als ein Blumenkind ind die falsche Richtung laufen oder hysterisch heulen gesehen. Leider kein gelungener Hochzeitsstart und völlig überbewertet. Viel entspannter ist es für alle Beteiligten, Kinder aus den Planungen herauszuhalten. Als Gäste sind sie dafür umso willkommener.

Hochzeitsbrauch 2: Luftballons

99 und mehr Luftballons gen Himmel steigen zu lassen ist ebenfalls eine beliebte romantische Tradition zur Hochzeit. Wenn alles klappt und ein Reigen guter Wünsche sich zusammen mit den Ballons plangemäß in die Lüfte erhebt, um dann gemächlich zu entschweben, ist das schön anzusehen – finde ich auch. Die Betonung liegt auf dem Wort „wenn“, da das Ganze selten reibungslos klappt. Es beginnt schon beim Steigenlassen: Viele vermeintlich preiswerte Anbieter sind keine professionellen Dienstleister. Das heißt, die Luftballons sind zu klein oder unzureichend mit Gas gefüllt, sodass sie das Gewicht in Form von angehängten Glückwunschkarten nicht tragen. Und Luftballons ohne Zugkraft, die traurig am Boden dümpeln, sind echte Stimmungskiller. Das gilt auch für verhedderte Ballonschnüre. Und fast immer passiert es, dass die Schnüre ein schwer zu entwirrendes Knäuel bilden, das mühsam auseinandergefriemelt werden muss. Diese Panne sorgt allenfalls kurzfristig für Erheiterung bei Gästen und erzeugt ein sofortiges Stimmungstief beim Fotografen. Und mal angenommen, bis hierhin ist alles gut gegangen, dann kann die Location immer noch dagegen sprechen. Luftballons mögen ausschließlich freie Flächen, im baumreichen Park oder Garten bleiben sie garantiert in den Zweigen hängen. Wenn die Luftballons der ganz große Wunsch eines Hochzeitspaars sind, dann bitte einen Profi engagieren und die Ballons auf einer freien Fläche steigen lassen.

Hochzeitsbrauch 3: Brautschleier

Damit treffe ich wieder einen empfindlichen Nerv, vor allem den der Brautmutter oder Schwiegermutter der Braut. Als Fotograf wage ich es, den Nutzen und ästhetischen Wert eines Schleiers – und damit eine lange Tradition – infrage zu stellen. Ob er schön aussieht, ist Geschmackssache – meiner Meinung nach versteckt er die Schönheit der Braut. Zweifellos aber ist er unpraktisch und auf Fotos absolut unvorteilhaft. Abgesehen davon, dass er mit Nadeln festgesteckt wird und bei Kopfbewegungen zwickt und zwackt, neigt ein Schleier beim Fotografieren dazu, vom Wind aufgeweht zu werden, zu verrutschen und generell im Weg zu sein. Lockere Gesichtszüge sind dann Mangelware, was sich auf den Fotos unzweifelhaft widerspiegelt.

Hochzeitsbrauch 4: Mega-Buffet

„All you can eat“ schlägt nicht nur schwer auf den Magen. Biegt sich der Tisch unter einer Riesenlast schwerer Speisen, greifen die Gäste entsprechend reichlich zu. Parallel dazu sinkt die Feierlaune rapide und macht einer gewissen Trägheit Platz. Natürlich soll es ausreichend leckeres Essen für alle geben und jeder soll satt werden – aber leichte, kleine Häppchen animieren eher zum Weiterfeiern als fette Braten und deftige Eintöpfe. Ich empfehle, auf Qualität und Kreativität leichter Speisen zu setzen. Und es gibt natürliche Sättigungsgrenzen – wer bewusst viel mehr bestellt, als aller Wahrscheinlichkeit nach gegessen werden kann, bezahlt auch mehr als notwendig und füttert am Ende den Mülleimer. Dann doch lieber einen Speiseplan vom Profi erarbeiten lassen, Mut zu weniger Wahlmöglichkeiten und das so eingesparte Geld in besondere Qualität investieren.

Hochzeitsbrauch 5: Mitternachtstorte

Der ungünstigste Zeitpunkt, eine mehrstöckige opulente Hochzeitstorte zu servieren, ist Mitternacht! Ein kurzer Überraschungsmoment, freundlicher Applaus – aber Lust auf die süße Kalorienbombe hat zu mitternächtlicher Stunde erfahrungsgemäß kein Gast mehr, und das Brautpaar schon gar nicht. Also wird die Torte angeschnitten, der eine oder andere greift höflich zu und das war es dann. Wer jetzt noch Appetit hat, den gelüstet es eher nach Salzbrezeln oder anderen herzhaften Snacks. Schade um die Torte, die ein paar Stunden zuvor ein tolles Dessert gewesen wäre oder auch beim Sektempfang für Furore gesorgt hätte. Mein Tipp: Keine Hochzeitstorte mitten in der Nacht, sondern als süßes Highlight zwischendurch.

Beitrag von Alexander Vejnovic, Profi-Fotograf

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Das waren die ersten 5 Hochzeitsirrtümer auf der Hitliste des Profi-Fotografen Alexander Vejnovic. Lesen Sie hier bei uns am kommenden Donnerstag die Fortsetzung von „Top 10 der Hochtzeitsbräuche, die meistens nach hinten losgehen“.

 

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