Aline hatte nie eine Wahl

Aline war ein hübsches Mädchen, das in ihrem Dorf Ngungu auffiel. Die Männer begannen, ihr Avancen zu machen und hinter ihr herzurufen. Sie ging damals noch zu Schule, ist erst 14. Dann wurde sie schwanger, mit 15 gebar sie ihren ersten Sohn. War der Sex freiwillig? Wirklich? Wir werden es nicht erfahren, aber eins ist sicher:

Hätte Aline die Wahl gehabt, sie wäre lieber weiter zur Schule gegangen. Und der Vater des Kindes? Möchte
seine Schulausbildung beenden. „Wenn du bei mir lebst, werde ich nicht mehr zur Schule gehen können, deshalb müssen wir noch warten.“ Das sagt er ihr. Aline selbst kann nach der Geburt nicht mehr zur Schule zurückkehren. Sie muss sich um ihr Kind kümmern, das uneheliche, und lebt bei ihren Eltern. Im Dorf wird getuschelt und die Männer machen ihr weiterhin den Hof. Sie fühlt sich bedrängt, hat Angst. „Deshalb haben wir dann später entschieden, zu heiraten.“ Keine große Romantik, stattdessen ein Gefühl von Sicherheit, das waren die Gründe für Alines Heirat.

Der kleine Sohn heißt Espoir, das bedeutet Hoffnung auf Französisch. Im Spätsommer 2012 bekommt Aline dann ihr
zweites Kind, die kleine Esther. Und kurze Zeit später wird ihre Heimat zur Hölle. Im Oktober 2012 fällt eine Rebellengruppe ein, raubt, plündert und tötet. Aline rennt mit ihrer Familie um ihr Leben und findet Unterschlupf rund 40 Kilometer östlich ihrer Heimat Ngungu in einem der vielen spontan entstandenen Camps um die Provinz-hauptstadt Goma.

Das Leben ist hart hier. Die benachbarten Siedlungen und die alteingesessenen Flüchtlinge betrachten die Neuankömmlinge mit Argwohn. Mehr Menschen, das bedeutet auch weniger Feuerholz für alle, dichter gedrängte provisorische Zeltbehausungen und mehr Konflikte. Es ist eng in Mugunga III, schwül und feucht. Der Boden ist
schlammig, die Zeltplanen werden nur dürftig von Stöcken zusammengehalten. Wer Glück hat, dem gibt eine Hilfsorganisation ein wenig Material für die Unterkunft, stärkeres Plastik und Matten für den Boden. Aber auch die halten nicht lange im feuchtwarmen Klima von Goma. Viele Flüchtlinge sind alleine oder nur mit wenigen Familien-mitgliedern geflohen. Das soziale Netz ihres Dorfes, der Schutz der Gemeinde, all das ist in einem solchen Lager plötzlich nicht mehr da. Und die Anonymität verleitet auch zu Gewalttaten. Frauen sind nicht sicher, Übergriffe an der Tagesordnung. Gerade beim Feuerholzholen oder auf den Feldern, wenn sie alleine eine kleine Parzelle bearbeiten, sind Frauen besonders von Übergriffen bedroht.

ein crashkurs gegen gewalt

Nun sitzt Aline gemeinsam mit 20 anderen Frauen und Männern in diesem dunklen Raum und lauscht den Worten von Rose Vive. Rose ist CARE-Mitarbeiterin, klärt über sexualisierte Gewalt auf und betreut Betroffene dabei, wieder ihren Platz im Leben zu finden. Auf der Tafel stehen Begriffe wie „Geschlecht“, „Pädophilie“ oder „Sodomie“. Darüber wird offen geredet. Denn Tabus bedeuten Schweigen, und so wird sich nie etwas ändern. „Ich habe heute einiges über sexualisierte Gewalt gelernt“, berichtet Aline. „Ich wusste, was Vergewaltigung bedeutet, aber dass es auch verschiedene Formen gibt … das war mir neu.“ Solche Trainings helfen den Camp-Bewohnern, aufmerksam hinzuschauen, was in ihrer Umgebung passiert. Viele lernen hier zum ersten Mal, dass jede Form von erzwungenem Sex eine Straftat ist. CARE achtet darauf, dass Frauen und Männer ausgebildet werden. Dies ist keine Angelegenheit nur für die Frauen. Ihre Ehemänner, Söhne und Brüder sollen wissen, dass auch sie etwas beitragen können. Verhaltensänderungen in einer Gesellschaft brauchen Zeit, und sie brauchen Vorbilder. Die Kursteilnehmer lernen auch, wie sie den betroffenen Frauen und Mädchen konkret helfen können.

Mit Gesprächen, mit einer Überweisung zur nächsten Gesundheitsstation, die CARE mit sogenannten PEPKits versorgt: Notpakete mit erster Hilfe, vor allem gegen die Übertragung von HIV/Aids.

„zu hause ist krieg“

Es ist delikat, und die Antwort ändert den Verlauf, die Botschaft ihrer Geschichte nicht. Doch vorsichtig fragen wir Aline, ob sie in ihrem Umfeld schon einmal sexualisierte Gewalt erlebt habe. „Nein, aber ich kenne eine Frau im  Camp, die vor Kurzem vergewaltigt wurde, als sie im Wald Feuerholz suchte.“ Es sind furchtbare, traumatische Erlebnisse, deren Schilderung den Betroffenen nicht einfach fällt. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wie CARE brauchen viele Wochen oder Monate, um Vertrauen aufzubauen und Hilfe leisten zu können. Da hilft es, wenn die Campbewohner selbst geschult sind und berichten können, wenn jemand traumatisiert ist. Vielleicht – hoffentlich!
– hat Aline nichts verschwiegen und wirklich selbst noch keine solch unmittelbare Gewalt an ihrem Körper und ihrer Seele erlebt. Aber ihre Geschichte ist dennoch keine von Frieden und Unversehrtheit. „Ich will nicht nach Hause, denn dort ist Krieg.“ Das wiederholt sie mehrmals. Über ihre Kinder spricht Aline, die selbst noch ein Teenager ist, mit warmer Stimme. „Ich kann mit meinem Sohn reden, wenn sein Vater nicht da ist. Wie ein Großer.

Und die kleine Esther? „Ich bin immer glücklich, sie zu sehen.“ Ob sie noch ein Kind bekommen möchte? Die junge Frau lacht geniert. Mit 19 bekommt man in Deutschland diese Frage sicher nicht gestellt. Aline sagt: „Männer wollen immer viele Kinder, das ist klar. Aber mir würden drei oder vier reichen.“

Ob sie die Wahl haben wird?  Hoffentlich.

Beitrag von Sabine Wilke, CARE-Mitarbeiterin

Lesen Sie hier  Teil 1 „Teenager, Flüchtling, Mutter“

Wollt Ihr euch engagieren? www.care.de/mitmachen

 

 

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