Plötzlich Expat 9

© B. Isliker

Liebesgrüsse aus Hong Kong: wöchentliche Episoden / gekürzte Erfahrungsberichte über meine Zeit als Expat in der momentan drittgrössten Metropole China‘s. 

Von Tai Tais und Konkubinen. Hab ich schon erwähnt, was eine Tai Tai ist? Das bin ich. Eine Ehefrau, die nicht arbeiten muss/darf und das Leben geniessen kann. „Tai Tai“ ist in Hong Kong ein gängiger Ausdruck, auch „Lady of Leisure“ genannt. Genau übersetzt bedeutet es: 

Höchste der Höchsten, oder Ehefrau, bzw. früher: Hauptfrau. Eine typische Tai Tai bucht wöchentlich eine Massage, liegt am Pool rum, gönnt sich mit Freundinnen „High Tea“, shoppt oder spielt Golf. Ich gebe zu, einiges davon mag ich auch ganz gerne…. Zum Beispiel entdeckte ich einen ziemlich coolen Beauty-Salon: Im 15. Stock eines hypermodernen Gebäudes sitze ich und lasse mir die Haare frisieren, während ich mir gleichzeitig eine Pédicure gönne. Junge Frauen schwirren um mich herum und lächeln mich an und ich komm mir vor wie in New York.

Ich guck auf eine eindrückliche Hochhäuser-Skyline runter, bin umgeben von imposanten, gläsernen Geschäfts-häusern, bei denen ich direkt in die Büros hineinspähen kann. Während dem Haareschneiden wird natürlich nicht wie üblich nur Kaffee serviert, als kleines kühles Extra gibt’s ein leckeres „Weintraubensorbet“ dazu. Es gibt in Hong Kong überhaupt sehr viele In-Lokale, In-Restaurants und Bars, die alle ultra-chic eingerichtet sind, vor allem im SOHO- Gebiet. Aber ich bin natürlich keine echte Tai Tai. Die haben nämlich kein schlechtes Gewissen, wenn sie ihre Stunden so verbringen. Ich fühle mich schon nach zehn Minuten schuldig, wie ich hier so sitze, während mein Mann in Anzug und Krawatte durch die Bürokorridore eilen muss.

Insbesondere, wenn ich mit wildfremden Chinesen zwangsflirten muss: Neulich hatte ich ein erstaunlich offenes Gespräch mit einem neugierigen Chinesen am Swimmingpool: Es war ein extrem heisser Tag und ich wollte eigentlich ein wenig lesen und dann schwimmen gehen, hatte aber keine Chance dazu. Ein junger Chinese traf gleichzeitig am Pool ein und nahm mich gleich ins Visier. Er legte sich direkt neben mich und begann mit dem „Interview“:

Woher ich komme, wie alt ich sei, ob ich eine typische Schweizerin sei, ob ich oft ans Pool käme, ob mir Hong Kong gefalle. Die Chinesen sind extrem neugierig, aber oft auch zurückhaltend. Dieser war ganz offensichtlich kein schüchternes Exemplar. Er war sehr lustig und schlagfertig, aber nach zehn Minuten Höflichkeitsaustausch wollte ich mich zurücklehnen und einfach nur lesen. Dabei fing er einfach wieder an zu reden. Am Schluss unterhielten wir uns während zwei Stunden, es war köstlich. Er erzählte mir alles über seine Ex-Freundinnen, die Frauen in Hong Kong allgemein und dass sie viel zu dünn seien. Wie er in Vancouver gelebt habe, dass seine Familie von ihm erwarte, ein Kind zu zeugen und endlich zu heiraten und er jetzt daran denke, seine Spermien einzugefrieren, nur so für alle Fälle…..

Er ist 34, hat eine Freundin seit vier Jahren, aber ist sich nicht mehr so sicher, ob sie die Richtige sei. Dann fragte er mich, was ich von Konkubinen halte und wie lange die Schweizerinnen warten, bis sie heiraten. Stichwort. Ich erzählte ihm, wie lange ich selbst gewartet habe, aber das wollte er dann nicht hören. Auf einmal war es Zeit für ihn, sich zu verabschieden…

Anmerkung:

Früher war es in China durchaus üblich, dass der Ehemann sich ganz offiziell eine Konkubine nahm. Diese „Nebenfrau“ war damals hauptsächlich dazu da, weitere Söhne zu gebären, wenn die eigene Ehefrau dazu zu alt wurde… Die Konkubine hatte jung zu sein und hatte der Ehefrau, also der Hauptfrau, zu gehorchen. Sobald sie dem Mann ein Kind gebar, musste sie ihr Kind der rechtmässigen Ehefrau übergeben, damit diese es grossziehen konnte. Manchmal leistete sich der Mann sogar mehrere Konkubinen, das wies auf Wohlstand hin. Konkubinen waren weder rechtlich abgesichert noch erbberechtigt. Es gibt sie noch heute, aber wohl eher im Sinn einer heimlichen Mätresse, nicht sichtbar in die Familie aufgenommen. Die moderne Version einer Konkubine ist eine „Ernai“.

 

© B. Isliker
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Liebesgrüsse aus Hong Kong: wöchentliche Episoden / gekürzte Erfahrungsberichte über  meine Zeit als Expat in der momentan drittgrössten Metropole China‘s.  by schreiberling.co.uk

 

 

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