Der süsse Mund

Mitten im eisigen Winter saß ein kleiner bunter Vogel auf einer hohen Tanne im winterkalten Bergwald. Sein Gefieder glitzerte von den winzigen Eiskristallen, die über Nacht vom dunklen Himmel gefallen waren, seine zarten Knochen litten unter der ungewohnten Kälte. Auf den kristallenen Bäumen und im Nebel der Felder deckte der Schnee die Glut des Sommers und die überbordende Fülle des Herbstes zu, die Erde schlief unter den gefallenen Blättern und dem weichem Moos in ihrer wohlverdienten Ruhe, während sich in fröhlichen Kinderaugen die Freude über die weiße Pracht das ganze Glück des Winters widerzuspiegeln schien.

Das Vögelchen war alleine zwischen den immergrünen Nadeln, denn seine Brüder und Schwestern hatten rechtzeitig ihre Nester warm ausgekleidet und saßen dort wartend, auf dass der Frühling wieder käme. Zirpezarp, der Vogel, hatte den ganzen Sommer über gesungen, und er war so meisterhaft in seiner Kunst geworden, dass ihn sogar die Nachtigall ein klein wenig beneidete. Aber sie war großzügig, und erzählte allen, wie wunderschön Zirpezarp flötete und pfiff. Schon bald war er bei jeder Vogelhochzeit eingeladen, und durfte sich vom besten nehmen, was die Gesellschaft aus Keller und Kornkammer herbeigeflogen hatte, wenn er nur ein neues Lied hätte und das trefflich vortragen würde. Da ihm stets ein neues einfiel und er dazu ein schönes Gefieder sein eigen nannte, lebte er ein wunderbares Leben. Es dauerte nicht lange, da verliebte er sich in eine pechschwarze, glänzende Rabenkrähe, die oft als Pfarrer zu den Hochzeiten geladen war und eine vorzügliche Sprache sprach. Doch sie war hochmütig, sehr viel größer als er, und wollte nichts von ihm wissen. Ihr gefiel nur der stolze Adler, der ab und zu auf einen Sprung in den Wald kam, um eine paar saftige Beeren zu picken.

Zirpezarp sang immer schöner und schöner, seine Stimme war weit durch den Bergwald zu hören, sie wurde immer weicher und samtiger, seine Lieder immer zarter und sanfter. Die Krähe hörte wohl sein Lied, es berührte sie sogar, doch sie war zu stolz. Er schaffte es nur einmal, in ihrer Nähe zu singen und in ihre pechdunklen Augen zu schauen, doch er sah nur sein eigenes Spiegelbild. Er wand sich ab und flog davon, und auch die Krähe nahm ihren Weg durch die Wipfel der Bäume, sie flog hinauf zu den Bergen, wo sie hoffte, endlich den Adler zu finden. Zirpezarp sah sie nie wieder, und er fing an traurig zu werden. Die Zeit der Vogelhochzeiten war schon lange vorbei und so fiel es niemandem auf, dass seine Lieder zunächst leiser und trauriger wurden, und endlich ganz verstummten. Er saß auf einem Zweiglein und starrte in den königsblauen Herbsthimmel, immer in der Hoffnung, einen Flügelschlag neben sich zu hören, der von der Krähe stammte, und sie wäre zurück. Doch sie kam nicht. Er verharrte und verharrte und verharrte, bis schließlich der Winter kam und sein gebrochenes Herz gnädig in den ewigen Schlaf schickte. Die Krähe mit den schimmernden Federn war indessen vom Königssohn gefangen worden und saß in einem großen, goldenen Käfig im Schloss auf den Bergen, sie hatte gar nicht zurück gekonnt und auch den Adler hatte sie nie wieder gesehen. Da fand beim Eintritt der Frühlings die Fee des Taus und der Wiesen den zu Eis verwandelten Zirpezarp und sie erkannte seine ganze Geschichte.

Voller Mitleid eilte sie in das Schloss und befreite die Krähe, die, da ihr Stolz schon lange gebrochen war, den kleinen Verehrer mit dem nun kalten Herzen im Bachbett unter einem großen Kiesel beerdigte. Für diese Tat wollte ihr die Fee einen Wunsch erfüllen, und sie wünschte sich, dass der Königsohn so wunderschön singen können, wie einst Zirpezarp, und ihn damit erlösen würde. Dies geschah und auf einmal fand der Prinz keinen Gefallen mehr an seinem Schloss, sondern zog mit seiner Laute durch die Welt und spielte auf. So wunderbar, dass es das Herz eines jeden rührte und weich machte, und er erhielt den Namen „Der süße Mund“. Er erfüllte noch mehr als den Wunsch der Krähe, denn er fand eines Tages eine Prinzessin mit schwarzem Haar und traurigen Augen,  die machte er glücklich, und zog mit ihr fort, immer weiter und weiter, wie sie es beide wollten.

von Viola Eigenbrodt

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