Die Seelenperle

Tief unten im Ozean des Universums wohnte in einem Riff aus lauter leuchtend orangen, gelben und roten Korallen eine Muschel. Sie war klein, grau und von eigenartiger Form. Denn sie konnte sich verändern, ihre Schalen waren aus einem dehnbaren Material geschaffen, das sich stets anpasste, um den Inhalt optimal zu schützen. So konnte es durchsichtig sein und niemanden auffallen oder dick und stark, und sich jedem in den Weg stellen. Manchmal war es auch bunt und fiel auf, dass die Fische einfach um sie herum schwammen.

Hier unten waren die Wasser des Meeres nicht blau, sondern dunkel wie schwerer Samt, nur die Leuchtfische fanden ihren Weg durch das tintenschwarze Geheimnis. Viele fremdartige Tiere kreuzten einander ihre Wege, oft feindlich, meistens unbeteiligt, wenige waren freundlich. Kalt war das Wasser, denn kein Sonnenstrahl war je bis auf den Boden des Ozeans gedrungen. In ihrem Schloss aus Träumen, wie sie selbst ihre Koralleninsel nannte, war die kleine Muschel einzigartig, ihre graue Schale schütze ihren größten Schatz, ihre Perle. Gebettet in weichen warmen purpurnen Samt schlummerte die Perle in einem Traum aus Liebe und Verständnis, aus Weichheit, Leidenschaft, Zärtlichkeit und ganz viel Poesie.

Sie war so verletzlich, dass ihre Schale sich einst etwas hatte einfallen lassen müssen, damit die ständigen Knuffe und Puffe durch die anderen Wesen, die auf ihrem Weg in die Dunkelheit grob und unsensibel an das Haus der Muschel stießen, endlich aufhörten. Denn Perlen müssen glänzen und dürfen keine Scheuer stellen haben, damit sie ihre magischen Kräfte entfalten können. Und diese Perle war eine ganz besondere Perle, denn sie schimmerte weder weiß noch schwarz, sondern in sämtlichen Farben des Regenbogens, sie war nämlich eine Seelenperle.

Eine, die der große König der Wasseruniversums an die Menschen verleiht, bevor sie geboren werden. Jeder Mensch bekommt eine, jede wohnt in einer Muschel, die der Mensch durch seine eigene Kraft und Behutsamkeit ernährt und pflegt. Jede wohnt auf dem Boden des unendlichen Meeres an einer anderen Stelle, und wird geschützt durch die Liebe, die im Herzen ihres Besitzers wohnt. Ist er gut, wächst die Perle und wird wunderschön, ist er schlecht und unaufmerksam, bleibt sie klein, schrumpft und wird so grau wie die Schalen. Manche Schalen zerbrechen sogar und die Perle vergeht.

Diese Regenbogenperle aber wurde durch ihren Menschen so sehr geschützt, dass man sie durch ihren wunderbaren Duft zwar erahnen konnte, aber niemand wusste, wo sie sich versteckt hatte. Denn die Frau, die sie besaß, war ebenso zart und verletzlich wie die Perle. Eines Tages kam auf dem Weg in wärmere hellere Gefilde der Welt eine goldener Leuchtfisch, ein seltenes Exemplar, noch nie hatten die Fische und die seltsamen Wesen so etwas zuvor gesehen.

Wie die Perlen die menschliche Seele darstellen, so sind die Leuchtfische Körper und Geist. Sie werden von der smaragdgrünen Meisternixe den Menschen ebenfalls vor der Geburt übertragen, die dann jeder selber pflegen muss. Dieser leuchtete von innen heraus und verströmte einen süßen Klang nach überirdischer Musik. Seine Augen spiegelten dunkle Sonnen in das tiefe Wasser und zeichneten ihm den Weg. Und er nahm den Duft der Regenbogenperle wahr. Neugierig geworden schwamm er geschickt zwischen den fragilen Ästchen der bunten Koralle und sang dabei sein Lied, glockenklar, hell und von höchster Anmut. Das hörte die Perle und sie wuchs und wurde noch schöner, als es überhaupt noch möglich war. Sie spürte die Liebe in seiner Musik, sie sah das Leuchten der Sonnen und wärmte sich augenblicklich. Die Strahlen seines Lichts öffneten die kleinen harten Schalen der Muschel, und die Regenbogenperle sprang heraus, direkt in den Mund des goldenen Leuchtfisch. Er trug sie sanft mit sich, und so wurden beide durch Poesie und Musik dahin getragen, wo sie sich hin gewünscht hatten, in die glänzenden Gefilde der Sterne, in das Licht und das Leben.

von Viola Eigenbrodt

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