Hasse ich mein Kind

Dass Eltern ihre Kinder lieben, ist eine der unantatsbarsten Wahrheiten unserer Gesellschaft. Es gibt nichts absoluteres als den Anspruch, dass eine Familie ein Netz aus wohligen Gefühlen, Barmherzigkeit und Schutz zusammenhält. Aber was ist, wenn ein Eltern doch einmal geplagt wird von diesem Gefühl, das man im Zusammenhang mit Kindern niemals aussprechen darf? Was, wenn ein Eltern sein Kind gerade mal gar nicht leiden kann? Gibt es sowas überhaupt? Und darf Mensch das? Ein Outing mit Hilfsansatz.

Ich sei ein sehr resoluter Mensch, hat eine Freundin zu mir gesagt. Mit enormen moralischen Ansprüchen. “Du hasst Menschen mit schwammiger Identität!”, sagte sie. Ich widersprach. Sie sagte: “Doch” und ich begann zu weinen. Eigentlich möchte ich ja am liebsten gar niemanden hassen. Dass mir meine Freundin nun aber um die Ohren haute, dass ich mein eigenes Kind hassen würde, traf mich wie ein Schlag. Ist das wahr? Hasse ich mein Kind?

Babys kann man gar nicht hassen. Fast gar nicht. Die Natur hat wirklich alles gegeben, um diesen hilflosen Wesen Merkmale zu geben wie die riesigen Kulleraugen und diese ulkigen Gliedmaßen, die uns im innersten berühren und unsere Hormone anregen, uns um dieses schutzbedürftige Wesen zu kümmern. Dann sehen sie uns auch noch ähnlich, damit unser Ego auch wirklich den Wunsch verspürt, diese Miniversion unserer selbst anzunehmen und zu beschützen. Babys können auch keine zweifelhaften Aussagen treffen, die uns veranlassen würden, sie doof zu finden und wenn sie  älter werden, plappern sie uns ohnehin erst einmal alles nach. Wir, die Eltern sind die Weisen, die einfach alles wissen. Lange Zeit sind Eltern für ihre Kinder so etwas wie Götter und Göttinnen. Wie der Gott aus diesem Psalm 23 (Bibel™) schenken Eltern ihren Kindern voll ein, weiden sie auf grüner Aue und schützen sie im finsteren Tal. Wir Eltern sind Helden. Auch diese Ehrerweisungen unserer Kinder machen es uns natürlich leicht, die Kinder weiterhin zu lieben. Auch wenn unsere kleinen Fans nun doch hin und wieder  zweifelhafte Aussagen treffen, lieben wir sie in der Regel einfach weiter. So wie sie uns.

Wenn unsere Kinder älter werden jedoch, nutzt unser Ruhm sich allmählich ab. Ein Fan, der täglich mit dem Subjekt der Bewunderung verkehrt, merkt eines Tages dann doch, dass die verehrte Person auch nur ein Mensch ist. Ebenso wird ihnen plötzlich bewusst, dass auch sie selbst Menschen sind. Eigenständige Personen, die noch eine Identität für ihr Dasein benötigen. Sie beginnen nach anderen Vorbildern zu suchen und probieren andere Verhaltensweisen, andere Kleidung und andere Hobbies aus. Die Eltern sind nun nicht mehr das Ziel am Horizont, dem sie nacheifern. Sie verlassen ihren eingetreten Pfad, der hinter ihren Eltern herführt und suchen sich einen eigenen. Dabei müssen sie sich erst einmal einige Ideen anschauen und sie ausprobieren. Die Suche nach einer Identität ist vergleichbar mit der Suche nach dem richtigen Instrument. Wer eine Gitarre oder ein Klavier kaufen möchte, durchläuft erst einmal tagelang verschiedene Geschäfte auf der Suche nach dem perfekten Klang. Ebenso müssen unsere Kinder zunächt ein paar Klänge anschlagen, die ihnen dann doch gar nicht gefallen auf der Suche nach dem ultimativen Klangerlebnis, bzw. der ultimativen Identität. Es kann sein, dass dein Kind dir in solchen Phasen oft wie ein/e Schauspieler*in erscheint oder wie ein/e Heuchler*in. Doch sie behaupten ja gar nichts ernsthaft, sondern probieren es nur.

Was aber, wenn sie dann eines Tages nach einer Idee greifen, die uns Eltern in Angst und Schrecken versetzt? Oder noch schlimmer: Was, wenn wir hassen, was unsere Kinder da ausprobieren? Oder vielleicht nervt uns ja auch schon alleine das Ausprobieren, weil plötzlich alle Sicherheiten bröckeln und wir nicht mehr wissen, ob morgen noch gilt, was wir heute vereinbart haben? Ich oute mich: Ich hasse es, dass mein Kind momentan so schwammig ist.

Natürlich habe ich das schon auch von selbst gespürt, dass Hass in mir ist. Der Hass ist so ein unangenehmes Gefühl, das man ihn spüren muss. Aber sagen darf man es nicht. Und wenn man etwas hasst und nicht darüber spricht, schlägt es einem auf den Magen. Mir ganz buchstäblich. Ich hatte tagelang Bauchschmerzen, war antriebslos und schlecht gelaunt und wünschte mir heimlich, auf eine einsame Insel zu verschwinden und für immer alleine zu sein. Dabei hätte ich mir nie eingestanden, dass ich Ruhe von meinem Kind wollte. Ich hasste ALLE Menschen und wollte meine Ruhe vor ALLEN Menschen. So dachte ich. Im Gespräch mit meiner Freundin schließlich hörte ich mich sagen: “Du hast Recht. Ich hasse das!”

Aber das, was ich hasse, ist gar nicht mein Kind. Sondern ich hasse, woran mich mein Kind im Moment erinnert. Ich hasse Nachlässigkeit, ich hasse Unentschlossenheit, ich hasse es, wenn Menschen keine klare Position beziehen. Ich hasse diese Dinge voller Inbrunst und nun steht mir meine Tochter gegenüber und erfüllt alle diese Übel. Sie ist unentschlossen, wer sie ist, sie probiert immer alles nur halb und sie kann nicht mal klare Position beziehen zu der Frage, ob sie Möhren mag. Es macht mich rasend und wir streiten uns permanent. Dabei bin auch ich eine unglaubliche Nervensäge, weil meine wilde Entschlossenheit sich kaum zurückhalten lässt. Erst vorgestern wieder habe ich auch mit meinem Freund gestritten, weil ich in wilder Entschlossenheit zwei Polizisten fragen musste, wieso sie einen Punk verhafteten. Ich kann meine Entschlossenheit nicht zügeln. Ich bin wirklich eine Nervensäge per Definition.

“Entschuldigung, wieso ist in dem vegetarischen Gericht Fischsauce?”

“Reden sie gefälligst anständig mit ihrem Kind!”

oder

“Wieso verhaften sie diesen Mann?”

sind ganz typische Sätze für mich. Ich immer mit meinem Anspruch nach Gerechtigkeit. Das nervt meine Mitmenschen extrem. Und das nervt natürlich auch meine Tochter. Und umso heftiger müssen demnach auch ihre Gegenpositionen ausfallen, wenn sie sich einmal abwenden möchte von der Idee, dass ich die einzig wahre Mutter bin. Und weil es nervt, dass ich immer alles von grundauf gerecht und anständig haben will, nervt sie mich nun eben mit dem Gegenteil. Vielleicht rächt sie sich auch an mir. Jedenfalls reiben wir uns. Und zwar gewaltig.

Und plötzlich fällt mir auf, dass ich Dinge über sie denke, die meine Mutter früher über mich gedacht haben muss. Dinge wie: Mein Kind läuft rum wie der letzte Mensch! oder Was schleppt sie mir denn da jetzt für Einstellungen ins Haus? Meine eigene Mutter hat sich in dieser Zeit von mir abgewandt und unsere Beziehung für immer gekappt. Heute bin ich es, die mit ihr nichts mehr zu tun haben will. Ich werfe ihr vor, dass sie einfach aufgehört hat, mich zu lieben, als es anstrengend wurde. Und sie wirft mir allen Ernstes bis heute vor, wie anstrengend ich war. Sie will, dass ich endlich einsehe, dass man mich gar nicht lieben konnte in dieser Zeit. Stattdessen möchte sie nun aber heute meine Liebe und ich will sie ihr nicht geben.

Dieser Gedanke hat mich am Ende aufgeweckt. Ich muss mich nur an mich selbst erinnern. An die Verwirrung in der Jugend, an all die bescheuerten Ideen und Meinungen, die ich hatte. An meine Frisuren, meine Schuhe und Jacken. Ich denke daran, dass ich einmal eine Ratte vor meiner Mutter versteckte, indem ich sie in meinem Pullover wohnen ließ. Und ich kann seither wieder entspannen. Dieser Freak, der ich war, den wollte keiner liebhaben. Was daraus resultierte, war ein sehr einsames Leben bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr. Eine Menge meiner großen Einsamkeit entstand in dieser Zeit und ich habe mir darum nun einfach vorgenommen, meine Liebe als eine Art Kunst anzusehen. Meine Tochter soll sich jetzt halt einfach ein paar Jahre wie eine vollkommene Irre aufführen und ich berachte das als eine Art Schauspiel und klatsche dazu Beifall.

“Du hast einen Tadel. Interessante Performance.”

“Du hast ein Bonbon geklaut. Raffiniert. Komm wir bringen es zurück.”

“Du weißt, wie man heimlich Nachts noch Serien mit dem Computer anguckt. Very clever und jetzt gib her, das Ding.”

Anschließend eine Stunde joggen gehen oder schwimmen oder Fahrrad fahren oder Spazierengehen und dem Kind dabei auch noch die Freiheit bieten, alleine zu Hause irgendeinen abgefahrenen Blödsinn zu machen. Heimlich. Und das dann vielleicht einfach nicht jedes mal bemerken und immer an die Ratte im eigenen Pullover denken.

Ich liebe mein Kind voller Gelassenheit. Komme, was da wolle. Dazu bin ich wild entschlossen.

Ein Beitrag von Maike von Wegen / mutterseelenalleinerziehend.de

2 Kommentare zu Hasse ich mein Kind

  1. Ich mag deinen Beitrag. Er ist einfach ehrlich. Ich glaube, dieses Gefühl des Hasses rührt aus unserer eigenen Kindheit, in der die Eltern selber mit Hass reagierten. Wir haben nur übernommen, wie man uns aufzog und es uns beibrachte. Du hattest zumindest die Fähigkeit, dein Verhalten zu reflektieren und mit der jetzigen Situation gelassener umzugehen. Einige werden nie auf den Gedanken kommen, ihre Erziehungsmaßnahmen zu reflektieren.
    Von daher: Hut ab!
    Und wäre es heutzutage nicht Gang und Gäbe, dass man in Kleinfamilien aufwächst und die Eltern das leisten müssen, wozu es ein ganzes Dorf bräuchte, dann wäre man zeitweise auch nicht so dermaßen ausgelaugt, müde, hilflos, überfordert, genervt usw. Das ist zumindest meine Meinung.
    Ich finde es traurig, was dir in deiner Kindheit passiert ist. Ich hatte damals beispielsweise meine Brotstullen immer hinter den Schrank geworfen, damit sich meine Mutter freut, dass ich aufgegessen hatte…
    Ich will damit nur sagen: Wir alle haben mal Scheibe gespielt. Deshalb darf man – so wie du das machst – seinem Kind diese Freiheit auch zugestehen.
    Ich hätte dein früheres Ich gern kennen gelernt 😉
    Alles Gute für euch und bleibt stark! Irgendwann wird es das letzte Mal gewesen sein, denke ich mir immer 😉
    Claudia

  2. Ich verstehe nicht wie man Kinder hassen kann… Gerade die, die am wenigsten auf dem Kerbholz haben ->KÖNNEN<-

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