Plötzlich Mutter

Das ultimative Thema unter Frauen: Die Wandlung von Frau zur Mutter, diese unglaubliche Umstellung um 180 Grad, von der einem niemand vorwarnt:Meine Freundin Pixxi –  überzeugte Single und Anti-Romantikerin – will es wissen. „Chloé, sag mal…“ beginnt sie zögernd, während wir auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen. „Normalerweise langweilt mich dieses Thema ohne Ende… aber erzähl mal… Wie ist es denn eigentlich, Mutter zu sein? Wie war das bei dir, als du auf einmal deinen Sohn im Arm hattest? Sag mir, wie es wirklich ist!“ Dabei schaut sie mich erwartungsvoll an. Ich wundere mich, da Pixxi genau weiss, dass ich – erfahrene Mutter von zwei Söhnen – bei diesem Thema oft ein wenig ausschweifend werde.

„Meinst du die viel diskutierte Frage, wie man die Balance zwischen Kind und Karriere hält?“ „Nein. Einfach nur, wie es ist, von einem Tag auf den anderen eine Frau mit integriertem Milchlieferservice zu sein. Du weisst schon…Plötzlich Mutter.“

„Puh! Wo soll ich da anfangen? Es ist viel komplexer, als dass man es in wenige Worte fassen könnte. So ein unschuldiges, kleines Kind ist das Wertvollste was es gibt.  Ich kenne kein anderes Wesen, welches gleichzeitig so wunderbar  und nervig sein kann. Es ist für mich die grösste Herausforderung, Mutter zu sein und dabei auch noch Frau zu bleiben.“ Ich blickte meine Freundin besorgt an. „Bist du sicher, dass du die Wahrheit hören willst? Meine Wahrheit?“ Meine Freundin lächelt. „Ja. Sag es mir.“

Ich seufze tief. „Stell dir eine Uhr vor, bei der die Zeiger in Höchstgeschwindigkeit laufen – in die Gegenrichtung. Zeit hat auf einmal eine völlig andere Bedeutung. Sie läuft nicht mehr im Uhrzeigersinn… Zu Babyzeiten hatte ich es nicht mal geschafft, meine Beine zu rasieren! Das kann man sich als Nicht-Mutter wahrscheinlich gar nicht vorstellen.“ Pixxi runzelt die Stirn. Nein, wirklich nicht.

„Nehmen wir mal die frühen Morgenstunden, meine Lieblingszeit: Ich zwinge mich um Punkt Sieben Uhr aus dem Bett und verwandle mich gezwungenermassen in einen Feldweibel, der mit hektischer Stimme kurze, aber klare Befehle ausspuckt: Frühstück ist fertig! Zähne putzen! Anziehen, nicht spielen! Es ist ziemlich übel, finde ich, die reinste Zumutung. Dabei will ich die beiden ja eigentlich nicht stressen, ich möchte einfach nur im Bett liegen und schlafen! Diese erste Stunde am Morgen sollte nicht nur 60 Minuten beinhalten… optimal wären dehnbare Sekunden, je nach Ausmass des Notfalls… doppelt oder dreifach so lange wie sonst.“

Pixxi nickt bestätigend.  „Hmm, das hätte ich mir in meiner ganz gewöhnlichen Büro-Arbeitswelt auch schon gewünscht.“ Ich fahre unbeirrt fort:  „Es ist ein ständiger Lernprozess, anspruchsvoll und anstrengend. Es würde helfen, wenn man Gesang und Mathematik studiert hätte.“ „So? Warum das denn?“ fragt meine Freundin verwundert. Ich schaue sie verschwörerisch an: „Ich verrate dir jetzt mal ein Geheimnis: Die richtige Tonlage  während eines Gesprächs zu finden, ist das A und O für einen friedlichen Nachmittag mit der Familie. Die Tonhöhe allein kann die Stimmung in einer Familie in die eine oder andere Richtung führen. Es ist eine Kunst, dies als Eltern zu beherrschen, manchmal ein Ding der Unmöglichkeit. Auch gilt es, das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu berechnen, jeden Tag aufs Neue. Das ist gar nicht so einfach. Beschützen und loslassen, vertrauen und kontrollieren, wo ist die Grenze? Man ist als Eltern täglich gefordert und sollte eigentlich jeden Monat  einen Weiterbildungskurs buchen. Mal ganz abgesehen von der Arbeit, dem Haushalt, den eigenen Problemen in der Beziehung, muss man noch stark genug sein, den Kindern ein gutes Vorbild zu sein!  Und natürlich wird erwartet, dass die Erziehung kompetent, streng und doch gelassen und humorvoll mit links gemeistert wird. Jedenfalls findet das meine Schwiegermutter. Es sollte einem als Mutter jederzeit bewusst sein, dass die Kinder in ihrer selbstgebastelten Welt leben und ihre eigenen Wege gehen müssen, aber da gibt es diese unsichtbaren Fäden, die dazwischen hängen, wo die Kinder einem immer wieder brauchen, wo man dann doch für sie da sein muss, man weiss aber nie wann und ob und wie. Mission Impossible!“

„Aha.“

„Die Kinder verstehen nicht, warum die Mutter so eine gestresste Stimme hat, weil doch der Bus in zwei Minuten fährt! Sie sind mittendrin, im Spiel. Du kannst mir glauben, ich rege mich immer aufs Neue auf, obwohl ich weiss, dass sie es nicht gegen mich richten, ihre „dann lasst uns doch den Bus verpassen, wir wissen doch noch gar nichts von eurem ständigen Zeit- und Terminstress, ist uns auch völlig egal- Einstellung! Ich weiss ja, dass sie mich nicht bewusst terrorisieren wollen, sie leben nur in ihrer eigenen Kinderwelt.“

„Hmm.“

„Stell dir das mal konkret vor: Du arbeitest Vollzeit, hast alle Freiheiten, die du dir wünscht und dann… Ein Baby. Das heisst 100%  rund um die Uhr 24/7 für ein unbekanntes, neues, sehr forderndes Wesen da zu sein.  Es zu stillen, mitten in der Nacht aufzustehen und dabei versuchen, seine Sprache zu verstehen. Von einem Vollzeitjob auf Baby-Slow-Motion herunterzukurbeln ist echt schwierig. Du musst dich quasi neu erfinden und vom Turbogang auf den ersten Gang zurückschalten. Wenn es dann beginnt, so richtig Spass zu machen und man keine Windeln mehr wechseln muss und man sogar schon zusammen witzeln und kommunizieren kann, nehmen sie es einem wieder weg. Ab in den Kindergarten. Aber das ist natürlich gut so. Der Ablösungsprozess beginnt – bei den meisten Kleinkindern natürlich schon viel früher, wenn sie in die Krippe gebracht werden. Und wenn du denkst, dass du jetzt Sorgen hast, dann warte mal, bist du ein Kind im Arm halten wirst. Du bist dann für einen Menschen verantwortlich! Einen kleinen, schutzlosen Menschen, dass hatte ich früher ja völlig unterschätzt. Das Zeitalter der Sorgen beginnt erst! Weisst du, die Liebe zu einem  Kind ist so unbeschreiblich gross, dass es manchmal Angst macht.“ 

Pause. Meine Freundin starrt mich an. Aber sie unterbricht mich nicht und wartet geduldig, scheint immer noch zuzuhören.        

Fortsetzung folgt…    1/8


aus   “Frauengeplapper” – by schreiberling.co.uk

 

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