Das Entschuldigen und Bedanken steckt uns in den Knochen

Seit dieser hässlichen Geschichte mit meiner Mutter damals, befinde ich mich in Therapie. Ich mache seither eine Verhaltenstherapie, in welcher ich schon sehr viele Fortschritte gemacht habe. Eine meiner aller schwierigsten Übungen seither rankt sich um die Worte “Danke” und “Entschuldigung” und um das Wünschen eines “Guten Tag”es. Verstehen wir uns nicht falsch. Ich gehöre nicht zu dem unhöflichen Teil der Menschen, die unfähig wären, diese Worte auszusprechen. Ich befinde mich auf der gegenteiligen Seite des Problems. Ich habe diese Wörter zu oft benutzt. Weil ich so erzogen bin. Die häufigsten Wörter meines Wortschatzes waren lange Zeit genau diese.

Ich habe jedem Fremden, mit dem in ein kurzes Gespräch verwickelt war einen guten Tag gewünscht, ich habe mich immer entschuldigt, sobald es irgendwo Ärger gab und ich habe mich bisweilen schon mal dafür bedankt, wenn man mich verletzt hat. Das klingt pervers, aber ich bin damit gar nicht so alleine. Auf meine Facebookchronik teilte neulich jemand das folgende Zitat: “In 85 percent of the songs out there women are apologizing, so I wanted to say, ‘I’m awesome,’” sagt Kathleen Hanna – eine feministische Künstlerin, Musikerin und in meinen Augen großartige Frau. Und das ist leider wahr.

Das Entschuldigen und Bedanken steckt uns in den Knochen.

Unsere Eltern haben Jahre darauf verwandt, diese Wörter in uns hinein zu stopfen. Dabei hat aber niemals jemals jemand darauf geachtet, dass wir einen souveränen Umgang mit diesen Wörtern erlangen. Die inflationäre Nutzung dieser Begriffe führt am Ende zB dazu, dass ich nie das Gefühl habe, dass mein Dankeschön genug ist, wenn ich es einmal im rechten Augenblick anwende. “Danke!” Das sage ich doch sooft, wie könnte es dann auch gelten, wenn ich es ernst meine. Wenn mir jemand etwas gutes tut, wofür ich mich einfach bedanken sollte, habe ich immer das Gefühl, dass das nicht riecht. Und mit meinem ständigen “Entschuldigung, Entschuldigung!” lade ich die Menschen ein, mir wehzutun. Selbstverständlich laufen diese Dinge bei niemandem bewusst ab, aber wer sich ständig entschuldigt, der ist auf neudeutsch und ganz im alten Sinne des Begriffes ein “Opfer” und mit Opfern machen die anderen, was sie wollen. Ganz unbewusst. Nicht mit Absicht.

Die schwierigste Übung zur Änderung meines Verhaltens also ist die Folgende: Bevor ich mich in einem Geschäft verabschiede, baue ich einen Puffer ein, in welchem ich überlege, ob die Person es verdient hat, dass ich ihr einen schönen Tag wünsche oder nicht. Stoße ich jemanden in der U-Bahn an und dieser schaut mich grimmig an dafür, reicht vielleicht auch ein beschwichtigendes Lächeln, anstatt sich einem solchen Miesmacher auch noch mit einem “Entschuldigung” unterzuordnen.

Die richtigen Profis unterhalten sich im Ernstfall übrigens so:

“Entschuldigung, kannst Du mir mal bitte das Salz geben.”

“Aber natürlich. Bitteschön.”

“Dankeschön. Oh, jetzt ist mir … entschuldige, bitte.”

“Dafür brauchst Du dich doch nicht entschuldigen!”

“Ja doch, Danke aber.”

“Ja, bitte. Da nicht für. Gerne.”

Mit anderen Worten, wer wirklich gut erzogen ist, der antwortet auf ein” Tut mir leid” auch automatisch mit einem “Dafür musst du dich nicht entschuldigen!” Und das führt ganz am Ende tatsächlich zu folgender Szene, die ich genau so mit meiner Tochter schon einige Male erlebt habe.

“Laupenta! Sag jetzt Entschuldigung.”

“Entschuldigung.”

“Danke. Aber du musst dich dafür nicht entschuldigen.”

Wir sind verseucht. Wir höflichen Menschen sind komplett fehlgeleitet. Mit Holzhämmern haben unsere Eltern Sätze in unsere Schädel gehämmert, die wir kaum unter Kontrolle bekommen. Wie Zombies rasseln wir unsere Texte runter, die irgendwo im Unbewussten entstehen und wir lassen zu, dass diese Sätze unsere zwischenmenschlichen Verhältnisse dominieren. Und obwohl ich das weiß und schon lange hart mit diesen Floskeln kämpfe, reiche ich diesen Kelch voll muffigem Wasser auch noch weiter. Ich reiche ihn weiter an meine Tochter und höre mich ständig sagen:

“Wie heißt das?” oder “Was sagt man da?”

SCHLUSS DAMIT! Man sagt da gar nichts. Gewöhnen wir unseren Kindern diese Floskeln bloß nicht auch noch an. Danke und Entschuldigung können zwei sehr große und besondere Wörter sein, wenn jemand sie ernst meint. Geben wir ihnen wieder die Chance zu wachsen und zu werden, was sie sind: Große Zugeständnisse. Lassen wir unsere schönsten Wörter nicht zu Floskeln werden und verschonen wir unsere Kinder mit diesen Sätzen, bei denen wir uns doch ohnehin jedesmal so seltsam wundern: “Das haben meine Eltern früher auch gesagt!”

DANKE für Eure Aufmerksamkeit.

Ich habe keinen Grund, mich zu entschuldigen.

 

 

 

 

 

 

 

Ein Beitrag von Maike von Wegen / mutterseelenalleinerziehend.de

1 Kommentar zu Das Entschuldigen und Bedanken steckt uns in den Knochen

  1. Dem kann ich mich nur anschliessen. Nachdem ich in meinem Leben mehrere Fremdsprachen gelernt habe, da ich immer wieder in verschiedenen Ländern gelebt habe, ist mir aufgefallen, dass die ersten Worte, die ich in einer mir neuen Sprache gelernt hatte, „Danke“ und „Entschuldigung“ waren. Ich versuche deshalb schon lange, diese Worte nicht mehr inflationär zu gebrauchen. Das ist gar nicht so einfach. Einmal Eingeprägtes wieder zu ändern, dauert!
    Das ist einfach typisch weibliches Verhalten. Männer lernen tausende von Wörtern, bevor sie sich mal mit „Danke“ oder „Entschuldigung“ befassen.

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