Die Wunschliste

 Als Kind habe ich jedes Jahr vor Weihnachten eine Wunschliste geschrieben. Ein paar Tage vor Heiligabend habe ich sie auf den Terrassentisch gelegt, habe „Christkind, Christkind“ gerufen und meine Arme wild wie ein Vogel hoch und runtergeschwungen. Ich dachte, dass das die Aufmerksamkeit für mich und meine Wünsche erhöhen könnte. Weihnachten mit meinen drei Geschwistern und meinen Eltern ist immer ein sehr wichtiges Fest. Wir essen zusammen, hören Musik, machen lange Spaziergänge durch den Wald, spielen „Mensch-ärgere-Dich-nicht“ bis einer sich wirklich ärgert und vor lauter Konzentration neben uns unbemerkt der Adventskranz abbrennt. An Weihnachten lachen wir zusammen, sorgen füreinander, streiten und vertragen uns.

Dieses Jahr werde ich Weihnachten nicht mit meiner Familie verbringen, sondern in Jordanien. Hier unterstütze ich seit drei Monaten  die Arbeit unseres Nothilfeteams für syrische Flüchtlinge. Auch Jordanien ist im Weihnachtsfieber, obwohl es ein mehrheitlich muslimisches Land ist: Tannenbäume sind mit bunten Kugeln und Lichterketten geschmückt, in den Läden hört man „Jingle Bells“. Vor einigen Tagen hat es hier so geschneit wie seit vielen Jahren nicht mehr. Der Schnee türmt sich meterhoch, neben Palmen stehen Schneemänner mit Karotten als Nase, Kinder malen mit ihren Armen und Beinen Eisengel in den Schnee. Für die über 560.000 syrischen Flüchtlinge, die hier in Jordanien leben, ist der Schnee aber kein Spaß: Sie hausen in heruntergekommenen Wohnungen, in leerstehenden Garagen oder behelfsmäßig zusammengebauten Zelten aus Pappe und Planen. Und dort frieren sie furchtbar. Mütter nähen aus der wenigen Kleidung, die sie bei der Flucht aus Syrien mitnehmen konnten, Decken, um ihre Kinder vor der Kälte zu schützen. Sie bleiben nächtelang wach aus Angst, ihre Kinder könnten im Schlaf erfrieren.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich mit vielen syrischen Flüchtlingen gesprochen und sie auch danach gefragt, was sie sich wünschen. Bei dieser Frage verdunkelt ein tiefer Schleier der Traurigkeit ihre Gesichter. Häufig kommen die Antworten schnell, als würden sie seit Tagen auf ihren Zungen liegen und nur darauf warten, endlich Gehör zu finden, ausgesprochen und damit vielleicht eine etwas größere Chance haben, erfüllt zu werden. Sie wünschen sich, zurück nach Hause  zu können. Sie wünschen sich, die Luft und den Boden Syriens wieder zu riechen, das Metall der Türklinken ihrer Häuser in der Hand zu halten, morgens auf dem Weg zur Arbeit einen türkischen Kaffee zu trinken. Kinder wünschen sich Socken und warme Kleidung gegen die Kälte, möchten wieder zur Schule zu gehen, ihre Freunde oder Väter wiederzusehen. Sie wollen ihr altes Leben zurück.

Manchmal reisen ihre Antworten aber auch einen langen Weg, verlieren sich in einem Labyrinth aus Erinnerungen, werden aufgesogen von dem Schmerz über das, was verloren ist. Die Flüchtlinge halten ihre Wünsche und Träume sorgsam wie einen kleinen Vogel mit ihren Händen umschlossen, der bei der kleinsten Öffnung der Finger wegfliegen und für immer verschwinden könnte. Ihr Hab und Gut liegt in zerbombten Häusern in Schutt und Asche, ihre Wünsche sind immer auch das Gegengewicht zu ihren Ängsten: Ängste um Daheimgebliebene, Trauer um getötete Familienmitglieder, Wissen um das zerstörte Zuhause. Nach fast drei Jahren Krieg, nach über 120.000 Toten, trauen sich viele der über 2,3 Millionen syrischen Flüchtlinge, die es über die Grenzen geschafft haben, nicht mehr zu wünschen. Wünsche machen sie traurig und schwach, lähmen sie in ihrem Alltag des Überlebens. Eine Mutter sagte mir, dass sich Wünschen für sie so anfühlt  wie einer dieser Träume, in dem man vor etwas schnell weglaufen muss, in dem man weiß, dass man Beine hat, die einen tragen können, aber man trotzdem nicht von der Stelle kommt. Ich glaube, dass es nichts gibt, was Menschen auf aller Welt so verbindet wie unsere Wünsche. Auf den Wunschlisten dieser Welt mögen Pullis, Bücher, oder selbstgemalte Bilder stehen. Aber das, was unter keinen Weihnachts- baum passt, eint uns alle:

Wir wünschen uns Gesundheit, Glück, Frieden, Sicherheit und Liebe für unsere Familien und Freunde.

Auch wenn ich dieses Weihnachten viele Kilometer entfernt von meiner Familie verbringe, wird sie mir doch ganz nah sein. Denn Weihnachten ist für mich vor allem ein Gefühl. Ein Gefühl der Geborgenheit, der Dankbarkeit, des Innehaltens. Dieses Weihnachten wünsche ich mir, dass wir uns alle an diese Gefühle erinnern, an das Band der Menschlichkeit, das uns alle verbindet und das die stärkste Medizin gegen Verzweiflung und Machtlosigkeit ist. Ich wünsche mir, dass wir, die Welt, den syrischen Flüchtlingen etwas mehr unserer Aufmerksamkeit schenken – und vielleicht auch eine kleine Spende , damit sie sich nicht so allein gelassen fühlen . Man muss es einfach so deutlich sagen: Die Hilfe für über zehn Millionen Menschen, die von dem Konflikt betroffen sind, ist hoffnungslos unterfinanziert. Hier um mich herum geschieht eine leise, eine schleichende Katastrophe, und ich wünsche mir oft, dass ich ein Mikrofon hätte, das die ganze Welt beschallen könnte. Vielleicht werde ich dieses Jahr mal wieder eine Liste schreiben, sie auf meinen Balkon hier in Amman legen und mit den Armen zappeln. Die Liste wird nicht lang sein. Aber ich werde lauter und länger rufen, als ich das als das Kind gemacht habe.  

Johanna Mitscherlich, 28 Jahre alt, arbeitet für CARE in Jordanien und unterstützt die Nothilfe für syrische Flüchtlinge.

 

 

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