… aber die Liebe ist die Grösste unter ihnen

Weihnachten – das Fest der Besinnung und der guten Taten; die Festtage – eine Zeit des Friedens und des Beisammenseins; Neujahr – der Zeitpunkt für gute Vorsätze… Auch wenn die heilige Zeit für die meisten nicht mehr viel mit Religion zu tun hat, beschleicht in diesen Tagen doch viele ein ganz besonderes Gefühl. Man möchte denen, die einem nahe stehen, etwas Gutes tun, sich mit denen versöhnen, mit denen man im Streit liegt, man denkt darüber nach, wie man Bekannten und Verwandten eine Freude machen könnte. Doch die Suche nach Geschenken ist nicht ganz einfach – die meisten haben ja schon alles.

Warum also in diesen Tagen nicht einmal jemandem etwas schenken, der es wirklich nötig hat? Es muss nicht einmal etwas Materielles sein – stellen Sie sich vor, mitten unter uns leben viele, für die ein Lächeln oder ein freundliches Wort schon mehr bedeuten als das teuerste Geschenk für die Gattin, den Sohn oder das Göttikind.

Letztes Jahr hat Pro Infirmis diese Kampagne gestartet: http://www.youtube.com/watch?v=ocBh9bgph_g – deutlicher könnte die Botschaft nicht sein. Wir haben Berührungsängste – nicht nur mit Behinderten, sondern auch mit alten oder kranken Menschen, mit Ausländern… eigentlich mit allen, die anders sind als wir und uns deshalb ein bisschen unheimlich. Wäre Weihnachten nicht eine Gelegenheit, aufeinander zuzugehen? Ist es denn ein so grosser Schritt, jemandem mit einem freundlichen statt mit einem misstrauischen Gesicht anzublicken, einen Platz im Tram anzubieten statt wegzusehen, vielleicht sogar ein frohes Fest zu wünschen, auch wenn man nicht weiss, ob er oder sie Weihnachten überhaupt feiert? Für viele ist es offenbar wirklich ein grosser Schritt – wie ich mit grösser werdendem Unbehagen bemerke, geht in unserer Gesellschaft die Empathie und die Solidarität je länger desto mehr verloren. Dies nicht zuletzt dank der aggressiven Politik und der schwarz-weiss-Malerei gewisser Exponenten. Auch im Zusammenhang mit sozialen Themen wird nur noch wirtschaftlich argumentiert:

Ein Freihandelsabkommen mit China ist vertretbar, weil es der Schweiz wirtschaftliche Vorteile bringt. Wen kümmert es da schon, dass das Wort «Menschenrechte» dort eben nur ein Wort ist. Dass Fabrikarbeiter bis zu 16 Stunden pro Tag schuften, um die Spielzeuge herzustellen, die wir hier dann als günstige Weihnachtsgeschenke kaufen. Tiefe Löhne, mangelnde Schutzbekleidung, nicht umgesetzte Arbeitsrechte und das Verbot von unabhängigen Gewerkschaften gehören zum Alltag der Arbeiter/innen. 100’000 sterben jährlich an mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Aber der Schweizer Wirtschaft tut es gut.

Auch Lieferungen von Waffen oder Waffenbestandteile in Länder, in denen der Staat keinen Schutz für seine Bürger/innen garantieren kann, sind vertretbar, weil es der Schweiz wirtschaftliche Vorteile bringt und also gut tut. Die Flüchtlinge, die die mit unserer Unterstützung geführten Kriege zur Folge haben, wollen wir dann aber nicht aufnehmen. Warum? Weil es der Schweiz wirtschaftliche Nachteile bringt und also nicht gut tut. Wir kritisieren die Kinderarbeit in Afrika und Lateinamerika, kaufen aber die Kleider, die sie dort produzieren, trinken den Kaffee und essen die Schokolade, die sie dort anbauen, legen unser leicht verdientes Geld auf Banken an, die es untransparent investieren. Was können wir dagegen tun, werden Sie sich nun fragen? – Nun, immerhin können wir uns informieren. Zum Beispiel bei der «Erklärung von Bern», die umfassende Informationen über Alltagsprodukte, ihre Produktionsbedingungen und Fair-Trade-Marken zur Verfügung stellt (www.evb.ch)

Und was ist mit Ihrem Lächeln zu Weihnachten? Es kostet sie nichts und kann doch so viel verändern. Die Eidgenössische Kommission für Rassismus und die Fachstelle für Rassismusbekämpfung publizieren Zahlen und Berichte, die mir persönlich Bauchschmerzen berichten. Vielleicht ist dies keine passende Weihnachts-Lektüre – aber vielleicht eben gerade doch?

http://www.ekr.admin.ch/shop/00008/index.html?lang=de
http://www.edi.admin.ch/frb/02015/index.html?lang=de

Zu guter Letzt: Was feiern wir eigentlich an Weihnachten? Auch wenn es offenbar viele vergessen haben: Die Geburt Jesu und damit den Quell des Christentums. Und kennen nicht alle Christen den Ausspruch von Paulus, «Glaube, Hoffnung, Liebe – aber die Liebe ist die Grösste unter ihnen»? Leben wir aber heute tatsächlich noch nach diesem Motto, das an eine der Grundfesten des Christentums rüht – an die unbedingte, bedingungslose Liebe, die sogar so weit geht, ihren Feind zu lieben? Wäre das nicht eine Frage, die man sich an Weihnachten stellen könnte, um es dann einmal auszuprobieren: wie wäre es wohl, als liebende und wohlwollende Person durchs Leben zu gehen, als eine, die im anderen nicht immer gleich das Übelste sieht, als eine, die auch mal geben kann ohne eine Gegenleistung zu erwarten: einen unentgeltlichen Gefallen, seine Zeit oder eben – ein Lächeln.

Bildquelle: toonpool.com

Nicole Maron, Weihnachten 2013

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