Elena

„“Haben Sie Vertrauen!“ – Elena Jüni arbeitet seit vier Jahren als Kraniosakral-Therapeutin. In einem früheren Leben erfolgreiche Karrierefrau, kommt es ihr heute vor, als sei das gar nicht sie gewesen. Wie sich ein Leben komplett verändern kann und warum Karriere nicht unbedingt glücklich macht.

„Es war, als ob sich Energie ballen und in meinem Körper explodieren würde. Hinter der Stirn und in der Brust brachen Wellen aus, die richtiggehend schmerzhaft waren. Mir war die ganze Zeit übel. Meine Handflächen konnte ich beim Sitzen nicht auf die Beine legen – dort sammelte sich die Energie so physisch spürbar an, dass jede Berührung weh tat.»

Dies war fünf Monate, nachdem Elena Jüni ihren Job im höheren Management eines grossen Konzerns von einem Tag auf den anderen gekündigt hatte. Sie war zu diesem Zeitpunkt 31 Jahre alt und konnte auf eine Karriere zurückblicken, die so steil und so erfolgreich war, dass sie – absurderweise – Mühe gehabt hatte, Arbeit zu finden: viel zu jung für das grosse Wissen, die breite Erfahrung und die vielen Fähigkeiten, hiess das Urteil vieler Firmenleitungen.

Seit sie mit 19 Jahren von ihrer Heimatstadt Senica nach Bratislava gegangen war, hatte sie sich geradezu kometenhaft auf der Karriereleiter nach oben gearbeitet. Ursprünglich wollte sie Chemie studieren und Forscherin werden, schliesslich landete sie aber in einem Wirtschaft- und Informatikstudium und in hohen Positionen verschiedener Konzerne. «Ich war extrem zielstrebig und schnell», erinnert sie sich. «Alles ging mir leicht von der Hand, und nichts konnte mich aufhalten.» Ein Leben, von dem sicher nicht alle, aber doch viele Frauen träumen. Die Forderung, dass auf Management-Ebene irgendwann gleich viele Frauen zu finden sein sollten wie Männer, ist ein Dauerthema in vielen europäischen Ländern. Doch Elena war nicht glücklich. «Ich hatte je länger desto mehr das Gefühl, dass mir etwas fehlte. Zuerst dachte ich, dass es etwas Hormonelles sei und daran liege, dass ich kein Kind habe, aber nachdem meine Tochter Lenka geboren wurde, verstärkte sich dieses Gefühl noch.» – Das Gefühl, dass etwas Grundsätzliches nicht stimme in ihrem Leben, dass alles in eine falsche Richtung lief. Dass ihre ganze Arbeit, ihre ganze Karriere leer sei, sie nicht erfüllen könne. «Es ging mir wirklich nicht gut damals, ich fühlte mich ohnmächtig und hilflos, weil ich nicht wusste, was mit mir los war und was ich tun sollte.»

Wie ein Mäuschen, das man weder sieht noch hört

Wenn Elena heute – acht Jahre später – über diese Zeit spricht, kommt es ihr vor, als würde sie die Geschichte einer anderen erzählen. «Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, wie es sich angefühlt hat, in diesem ‹Ich› von damals zu stecken», sagt sie. «Es ist nicht nur eine Erinnerung an etwas, das längst vorbei ist – nein, es fühlt sich an, als wäre es wirklich nicht der gleiche Mensch, der das erlebt hat. Ebenso gut könnte ich von einem Film erzählen, den ich gesehen habe.»

Den Beschluss, ihren Job zu kündigen, hatte sie getroffen, als sie die damals fünf Monate alte Lenka auf dem Balkon in den Schlaf wiegte. «Diese Entscheidung kam wie ein Blitz vom Himmel. Es war mir im ersten Moment vollkommen klar, dass dies das einzig Richtige war.» Ohne zu wissen, was sie nun mit ihrem Leben machen wollte und ohne auf ihre Familie und ihren Ehemann zu hören, die sie überreden wollten, in ihren Job zurückzukehren, wartete sie auf eine Eingebung, wie es weitergehen sollte. Unter finanziellem Druck stand sie nicht, da sie in den vergangenen Jahren viel Geld verdient, aber wenig ausgegeben hatte. «Geld war mir egal – ich hatte auch nicht aus diesem Grund Karriere gemacht. Eigentlich hatte es überhaupt keinen Grund gegeben, es hatte sich vielmehr einfach alles so ergeben.» Doch der psychische Druck, die Unsicherheit und die Desorientierung setzten ihr stark zu. «Ich wusste, dass mein vorheriges Leben sinnlos gewesen war – ich merkte, dass ich eigentlich immer nur eine Rolle gespielt hatte: die Rolle der erfolgreichen Geschäftsfrau auf der einen und der glücklichen Ehefrau auf der anderen Seite.» Denn im sozialistischen System der Slowakei, in dem Elena aufgewachsen war, mussten die Frauen vor allem gute Hausfrauen sein: «Das Beste war, wenn wir stillschweigend alles erledigten, wie Mäuschen, die man nicht sieht oder hört. Wenn ich am Wochenende weg war, war die einzige Frage meines Vaters, ob ich genug Essen für meinen Mann vorbereitet habe.»

Jahrelang spielte sie ihre Rolle, ohne sich zu beklagen, aber auch ohne über sie nachzudenken. Doch als sie zuliess, dass ihr Leben sich komplett veränderte, konnte sie auch diese Rolle nicht mehr spielen. Als ihre Tochter drei Jahre alt war, dachte sie zum ersten Mal daran, sich scheiden zu lassen – zwei Jahre später setzte sie den Beschluss in die Tat um. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie gelernt, das Gefühl des Glücks, der Entspannung und der Erfüllung nur noch in sich selbst zu finden und mit den starken Energieströmen in ihrem Körper umzugehen.

«Das Leben kann man nicht planen – man muss ihm vertrauen»

«Zum ersten Mal spürte ich diese explosionsartigen Ausbrüche, als wir Familienurlaub in Kroatien machten. Ich las ein Buch über Meditation, und plötzlich war es, als würde nicht nur mein Geist, sondern auch mein Körper heftig darauf reagieren. Heute glaube ich, dass es eine Art Reinigungsprozess war, mit dem ich mich von meinem alten Leben zu lösen begann. Aber der Weg zu dem Menschen, der ich heute bin, war sehr lange.»

Doch wenn man sieht, wie sie so ist, die neue Elena, kann man sich fast nicht vorstellen, dass sie jemals anders war. Auch wenn sie zurzeit fast nicht schläft, weil die 12 Monate alte Emilie – ihr erstes Kind mit ihrem zweiten Mann – sie auf Trab hält, auch wenn sich der Prozess um das Sorgerecht ihrer ersten Tochter seit Jahren hinzieht, auch wenn sie verschiedene Hürden überwinden musste, um in der Schweiz als Kraniosakral-Therapeutin praktizieren zu dürfen – sie ist immer entspannt, gelassen und zuversichtlich. «Das Wichtigste ist, dass man Vertrauen ins Leben hat», sagt sie. «Man kann es nicht planen, sondern man muss zulassen, dass es einen auf den richtigen Weg führt.»

Vertrauen ins Leben – das hatte Elena tatsächlich, als sie ihren Mann verlassen hat und mit der fünfjährigen Lenka in ein kleines Zimmer gezogen ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihre Ausbildung als Therapeutin gerade abgeschlossen, hatte aber genauso wie ihre Berufskollegen Mühe, genügend Patienten zu finden. Von ihren Ersparnissen war nicht das Geringste übrig geblieben – dank ihres Ehemannes, der auf getrennte Konten bestanden hatte, sich aber fast alles von ihr hatte bezahlen lassen. «Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich und meine Tochter über Wasser halten sollte, aber von dem Tag an, an dem ich von zu Hause ausgezogen bin, liefen mir die Patienten in Scharen zu. Ausserdem wurde mir zweimal ein Weiterbildungs-Seminar von anonymen Gönnern bezahlt. Ich habe keine Ahnung, wer sie waren, aber sie sollen gesagt haben, dass mein Talent ein Geschenk sei, das man unbedingt fördern müsse. Ich habe es dankbar angenommen.»

Heute arbeitet Elena als Kraniosakral-Therapeutin sowohl mit Babys und Kleinkindern als auch mit Erwachsenen, die sich wegen Schmerzen, Funktionseinschränkungen oder psychischen Beschwerden bei ihr melden. Die Kraniosakral-Therapie ist eine komplementäre Heilmethode mit unklarem Wirkmechanismus, die in den 1970er-Jahren in Anlehnung an die Osteopathie entwickelt wurde und mit subtilen Berührungen und Stille arbeitet.

«Aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung»

Elena Jünis Mutter, Elena Rapakova, erinnert sich gut an die Zeit, in der ihre Tochter ihre Karriere aufgegeben hatte, um in eine aus ihrer Sicht abenteuerliche Zukunft zu starten: «Ich hatte in erster Linie Angst und war unsicher, was mit meiner Tochter passieren würde. Sie gab einen guten Job auf und verzichtete auf jegliche finanzielle Sicherheit. Doch aus heutiger Sicht weiss ich, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat. Als Karrierefrau, die sie war, hätte sie keine Zeit gehabt, sich so intensiv um ihre Familie zu kümmern.» Der Familie erste Priorität zu schenken, lag schliesslich auch Elena Rapakova am Herzen: Die ehemalige Zollbeamtin hat darauf verzichtet, Karriere zu machen, weil sie für ihre fünf Kinder da sein wollte. «Nach dem 12-monatigen Mutterschaftsurlaub musste ich zwar wieder arbeiten, jedoch nicht mehr als 100%», sagt sie und erklärt: «In der nach-sozialistischen Slowakei mussten alle arbeiten. Diejenigen, die Karriere machen wollten, arbeiteten zehn oder mehr Stunden pro Tag. Das Minimum war acht Stunden, auch für Mütter.»

aus: «Ideelle» 6/2013

Text und Foto: Nicole Maron, Chefredaktorin «Ideelle»

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