Erlebnisbericht einer heimkehrenden Auslandschweizerin

Gehen Sie auf die Sozialhilfe! – Ich bin 62 Jahre alt, am 1. Juli 2013 wieder als Basler Bürgerin, Schweizer Bürgerin in Basel und gesamtschweizerisch registriert. Vor 14 Jahren habe ich in Basel Arbeit gesucht. Nach einer Firmenheirat haben mich die Human Resources einer globalen Abteilung, ich war damals gerade 47 Jahre alt – entlassen – Grund war nicht die schlechte Arbeitsqualität, sondern Ueberschuss an AssisstentInnen.

Kiebitz, eine professionelle Beratungs- und Coaching-Firma, hat mir über die schwersten Hürden eines solchen Lebenseinschnitts hinweg geholfen. Als 47-jährige Mutter von drei noch schulpflichtigen Söhnen, getrennt lebend, wollte ich nicht verbittern, sondern eine Lösung für eine mir eventuell drohenden Langzeitarbeitslosigkeit finden.

Die Aussichten auf einen weiteren, guten und interessanten Job waren düster. So erarbeitete ich mir eine mögliche, wenn auch zugegebenermassen ungewöhnliche Lösung. Ich liess mich, neben Gelegenheitsjobs, und einer Hospitanz, als ganzheitliche Therapeutin ausbilden und drehte meinen Kopf Richtung Ausland.

Ich wurde fündig. In meiner neu ernannten Wahlheimat – Republik Irland, Cork -, habe ich mich im Callcenter einer grossen Telefonfirma beworben. Sie suchten mehrsprachige MitarbeiteiterInnen und zwar für den „Schweizer sowie für den belgischen „Markt“. Diese „Märkte“ wurden jedoch nach einem kurzen Halbjahr wieder aus Cork abgezogen resp. in ein anderes Land verlegt, wo die Löhne noch minimaler waren. Ich wurde transferiert an die Swiss Life als Uebersetzerin in einem e-banking-Projekt, das schlussendlich nicht reussierte.

Nebenbei arbeitete ich als registrierte Holistische Therapeutin und machte Hausbesuche in Cork, was mir Einblick in die mir neue Kultur Irland gab. Ich arbeitete jeden Tag, auch im Spital Cork, 7 Tage in der Woche, um mein Leben finanzieren zu können, und meine Söhne zu unterstützen, welche in der Schweiz geblieben sind und mittlerweile studierten.

Nach einem Jahr Callcenter-Erfahrung eröffnete ich Anfang 2001 meine eigene, offizielle Praxis als ganzheitliche und registrierte Therapeutin. Aerzte begrüssten meinen Mut und unterstützten mich. Weitere Ausbildungen folgten und meine Praxis lief gut – der Boom in Irland hat mir sehr dabei geholfen. Ich schaffte eine weitere Ausbildung als Suchtberaterin und Akupunkturistin.

Als im Jahre 2007 ein Schatten über Irland fiel, derjenige des zerplatzten Traums eines Wirtschaftswunders, suchte ich mir neben meiner Praxis ein zweites Standbein in einem staatlichen Suchtzentrum, wo ich die Detox-Abteilung sowie Gruppenarbeit leitete – natürlich in englischer Sprache.

Meine eigene Praxis „trocknete“ aus, weil die KlientInnen die staatlich festgesetzten Tarife nicht mehr bezahlen konnten. Ich löste sie demzufolge im November 2011 auf.

Mein Heimweh nach Basel wurde grösser und der Druck in Irland entwickelte sich als eine nationale Depression. Mir war bewusst, dass ich in der Schweiz kaum Arbeit finden werde – und doch drängte sich ein Entscheid in dieser Richtung auf. Dazu kam, dass das Suchtzentrum in diesem Jahr Abteilungen schliessen musste, weil sie staatlich nicht mehr finanziell getragen werden konnten (das staatlich geprüfte Suchtzentrum ist heute nicht mehr vom Staat unterstützt und wird demnach seine Pforten bald schliessen müssen!). Irland begann seine düstere Vergangenheit wieder zu leben – Armut.

Familiäre Umstände in der Schweiz machten einen Entscheid, in die Schweiz zurückzukehren, klar. Auf der Schweizerischen Botschaft in Dublin erfuhr ich, dass, obwohl ich beinahe mittellos war, in der Schweiz unterstützt würde und Anspruch auf Arbeitslosengeld hätte, was durch einen Artikel im CH-Beobachter bestätigt wurde. Die dementsprechenden Auflagen habe ich studiert, und somit wagte ich den Schritt heimwärts.

Am 3. Juli habe ich mich bei der Arbeitslosenkasse angemeldet, weil es mir nicht gelungen ist, zwischen April und Juni 2013 Arbeit in der Schweiz zu finden. Bei der Anmeldung wurde mir gesagt, dass Irland nicht zu der EU gehöre und ich aus diesem Grund keinen Arbeitslosenanspruch geltend machen dürfe (!). Diese Unwissenheit entsetzte mich, und demzufolge musste ich die Aussage einer jungen Angestellten berichtigen. Dazu kam das berühmte „zu alt, zu lange weg, nicht interessiert……“

Die Arbeitslosenkasse wendet in der Folge meinen Antrag auf Arbeitslosenunterstützung ab, obwohl ich in Irland die nötigen Beiträge weit über die verlangte Beitragspflicht gezahlt habe, obwohl ich nachweislich eine Lohnabrechnung und einen Tag in einem Hotel als Zimmerfrau vorweisen konnte, und die von mir zugänglichen und eingeholten Informationen klar darauf hindeuteten, dass ich durch die bilateralen Uebereinkommen zwischen der Schweiz und der EU Anspruch auf Arbeitslosengeld hätte. Verschiedene Rechtsberatungen fühlten sich überfordert mit diesem Thema und verwiesen mich an das Arbeitsamt, woher ich diesen abschlägigen Entscheid erhalten habe!

Der mir zugeteilte Arbeitslosenberater wiederholte sich immer wieder, dass ich besser bedient sei, auf die Sozialhilfe zu gehen – Arbeit sei für meine Altersgruppe sowieso keine mehr vorhanden. Das Interesse, mir zu helfen, Jobs zu finden, war keines da. Zudem wies der Berater darauf hin, dass ihm klar sei, der Arbeitsmarkt sei „pervers“. Auch im praktischen Sinn war keine Unterstützung möglich.

Meine Hartnäckigkeit machte sich bezahlt. Ich habe einen „Springerjob“ in einem Museum ergattert – nur, dieses Einkommen reicht keineswegs zum Leben. Weitere Jobs sind schwierig zu finden. Das Museum hat mir später eine Festanstellung für 35 % angeboten, während einer spezifischen Ausstellung. Ich habe einen Vorbezug meiner AHV-Rente in die Wege geleitet.

Alle Informationen, Wege und Möglichkeiten sind weder von der Gemeinde Basel noch vom Staat gekommen, sondern allesamt von privaten Ansprechspersonen, resp. privaten Geschäftsstellen.

Ich versuchte, einen bestimmten Kurs bewilligt zu bekommen, was mir nicht ermöglicht wurde, da ich kein Arbeitslosengeld beziehen kann. Ich versuchte, erneut bei Kiebitz Unterstützung zu bekommen, auch das wurde nicht bewilligt. Meine Ersparnisse sind auf einem Tiefstand. „Gehen Sie auf die Sozialhilfe“.

Ich habe an einem Seminar „Spouse Power“, back to work“ für Expats.teilgenommen. Ehegatten oder Ehegattinnen von Expats, welche nicht arbeiten, sollen in den Arbeitsprozess eingebunden werden, damit vor allem die Langeweile durch Integration in den Arbeitsprozess bekämpft werden soll, so das Ziel des Integrationsbüros Basel-Stadt. Die meisten Expats sprechen weder Deutsch noch andere Sprachen. Englisch ist ihre Sprache.

AuslandschweizerInnen seien die Visitenkarte in anderen Ländern, sie arbeiten in der Regel qualitativ ausgezeichnet, sie haben im Normalfall hervorragende Ausbildungen und sprechen verschiedene Sprachen. Der Botschafter in Dublin erklärte mir einmal, dass wir solche Visitenkarten in Irland seien, und er stolz sei auf seine Schweizer-Gruppe in Irland.

Und hier in der Schweiz bin ich, so wie ich es erlebe und empfinde, obwohl ausgezeichnete und viel Arbeit geleistet, nicht willkommen. Weil ich Schweizerin bin (habe jedoch auch die irische Staatsbürgerschaft erworben), kann ich nicht auf Integration hoffen, sondern marschiere zwischen den zwei Linien Expats und Emigrantin, weder das eine noch das andere steht mir zu.

Ich bin der Meinung, dass dieses Problem unbedingt näher angeschaut werden muss. Ich habe bis zum Jahre 1999 Steuern bezahlt, 3 Kinder zu ihrem Erwachsensein begleitet – welche  unabhängige, ausgezeichnet ausgebildete Schweizer Bürger sind, im Arbeitsprozess eingebunden und dementsprechend Steuern zahlen, Zwillingsgrosskinder, welchen in einer gesunden Familienbund eingebundene Atmosphäre aufwachsen können, kann es sein, dass wir, welche aus einer Langzeit-Arbeitslosigkeit ausgebrochen sind, neue und gute Berufswege gegangen sind, abserviert werden wie der letzte Abfall?

Was ist mit dieser neu defininierten Schweiz los? Mein Eindruck trügt kaum, dass lediglich Menschen, am liebsten solche aus dem Ausland kommend und finanziell entweder gut oder noch besser abgesichert sind oder/und ein hohes Mass an Academia in die Schweiz transferieren können. Mir fehlt die Würde, der Respekt auf den Behörden und eine klare und offene Hilfestellung, Hinweise, Informationen etc., welche ich nicht eine einzige von staatlicher, sondern lediglich von privater Seite zusammengesucht habe. Dass die Sozialhilfe als Auffangbecken aller älterer und junger arbeitslosen Menschen dienen soll, scheint mir ein frag-würdiger Weg. Die Bundesverfassung umschreibt in der Präambel klar und deutlich, wie die Schweiz als Nation zu unterstützen hat. Ich bin der Meinung, dass die Gleichgültigkeit und das Desinteresse umgeleitet werden soll in neue Arbeits-Wege, die vom Arbeitgeber weniger erpresserisch genutzt werden können, die aufzeigen, dass auch die ältere Generation sehr viel zu offerieren hat, dass sehr wohl Menschen, welche Ausland-Erfahrung haben, die ein grosses Mass an Wissen und neuen Möglichkeiten in Arbeit und Leben erprobt und gelernt haben, sehr wohl arbeitskonform sind. Vor allem auch in sprachlicher Hinsicht sind in meisten Fällen die AuslandschweizerInnen im Arbeitsmarkt, vor allem in Projekten – hervorragende MitarbeiterInnen. Zudem wäre es sehr wünschenswert, wenn nicht alles am Geld gemessen werden müsste, sondern ein gesundes Mass an Zivilcourage in den Etagen der PolitikerInnen und anderen Hierarchien wieder entdeckt werden könnte.

Ein herzlicheres Welcome hätte ich mir gewünscht, mehr Unterstützung von den Schweizer Behörden erhofft, so wie sie immer wieder angepriesen wird. Und beides habe ich vermisst.

Wie weiter? Es wird sich weisen.

Anm. d. Redaktion: FrauenBlog hat zu diesem Thema bereits folgende Beiträg veröffentlicht:

Hilfe für Auslandschweizer in Not

Wenn es fern der Heimat schief läuft

Maja O’Connor

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