Das Mädchen und der Roboter

Der nationale Zukunftstag bietet seit 2008 Jungen und Mädchen am Ende der Primarschulzeit die Möglichkeit, in eher ungewöhnlichen Berufsfeldern zu schnuppern: Technik, Informatik und Bau für Mädchen, Betreuung, Pflege und Pädagogik für Jungen. Denn Frauen in Männerberufen – und umgekehrt – sind auch heute nicht unbedingt üblich.

Der «nationale Zukunftstag» hiess ursprünglich «nationaler Tochtertag» und wurde 2001 im Rahmen des Lehrstellenprojektes 16+ von der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten initiiert. Ziel war, Mädchen am Ende der Primarschulzeit Einblick in Berufe zu ermöglichen, die traditionell eher als Männerberufe betrachtet werden: Technik, Informatik und Bauen heissen die drei Bereiche, für die sich die Teilnehmerinnen anmelden können. Umgekehrt wird seit 2008 auch Knaben die Möglichkeit geboten, traditionell weibliche Berufe wie Lehrerin, Pflegerin oder Betreuerin zu begutachten.

Die Primarschüler/innen können einen Tag lang entweder im Betrieb eines Elternteils schnuppern gehen oder eins der vielen Angebote auswählen, die diverse Firmen in Zusammenarbeit mit dem «nationalen Zukunftstag» gestalten. Bei diesem Seitenwechsel lernen sie neue Arbeitsfelder und Lebensbereiche kennen und sollen Mut und Selbstvertrauen bekommen, um ihre Zukunft, losgelöst von starren Geschlechterbildern, in die eigene Hand zu nehmen, wie die Initiatoren der Zukunftstages betonen.

 

Lego-Roboter und das Binär-System

Eines von bisher 1600 Mädchen, das ­das Angebot des Zukunftstages genutzt haben, ist die 12-jährige Victoria Heutschi aus Riggisberg (BE). Im November 2012 konnte sie einen Tag lang ausprobieren, was es heisst, als Informatikerin zu arbeiten. Die Firma «Puzzle ITC» hat der Gruppe von rund zehn Mädchen einen spannenden Einblick in ihr Fachgebiet ermöglicht: «Am Vormittag wurde uns gezeigt, wie man einen Lego-Roboter programmiert», erinnert sich Victoria begeistert. «Mit der Programmiersprache Java konnten wir dem Roboter Befehle geben, zum Beispiel dass er bis zur Wand gehen, sich dort umdrehen und dann wieder zurückfahren soll.» Eine ganz schön anspruchsvolle Aufgabe für den ersten Tag als Informatikerin, doch genau das hat es Victoria angetan. «Ich kann mir schon vorstellen, Informatikerin zu werden – dann möchte ich aber auf jeden Fall auch mit Robotern zu tun haben!»

 

Die alten Rollenbilder lösen sich auf

Auch wie es in einem Computer aussieht, haben die Mädchen bei «Puzzle ITC» sehen können: «Wir durften ihn selber auseinander- und wieder zusammenschrauben und haben auch das Binär-System erklärt bekommen», erzählt Victoria. Sie hat am Zukunftstag viele neue Eindrücke gewonnen – und das hat Lust auf mehr gemacht: «Auch dieses Jahr werde ich wieder teilnehmen, allerdings habe ich mich noch nicht entschieden, ob lieber im Bereich Bauen oder Technik.» Wie die Berufswahl dann schlussendlich aussieht, steht allerdings noch in den Sternen und wird wohl erst im zweiten Jahr der Sekundarschule zum zentralen Thema werden – dann stehen auch die Berufswahltage in der Schule an. Nebst der Computerbranche liebäugelt Victoria auch mit dem Lehrerberuf – damit würde sie in die Fussstapfen der Mutter treten. «Ich erkläre gerne Sachen», gibt sie zu – und dies nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause, wo sie vier jüngeren Geschwistern als Vorbild dient.

Victorias beste Freundin will Geologin werden – «Steinforscherin», wie Victoria sagt – auch kein typischer Frauenberuf. Doch dies ist heutzutage ohnehin kein grosses Thema mehr: «Jeder träumt von dem Beruf, der ihn speziell interessiert, egal ob Junge oder Mädchen», sagt Victoria. Die alten Rollenbilder scheinen sich langsam aufzulösen – vor 50 Jahren sah alles noch ganz anders aus. Ruth Schlienger und Liselotte Gygax berichten, welche Erfahrungen sie 1966 bzw. 1986 gemacht haben – als Frauen, die in die Domäne typischer Männerberufe eingedrungen sind, als dies noch nicht so alltäglich war wie heute.

 

Ruth Schlienger (68) hat 1966 eine Ausbildung zur Programmiererin bei IBM begonnen – und ist der Firma treu geblieben, bis sie 18 Jahre später Mutter wurde und ihren Beruf aufgab. Zuerst als Programmiererin, dann als Analytikerin und Projektleiterin war sie eine von sehr wenigen Frauen in der Branche. «In der EDV zu arbeiten, war damals ohnehin aussergewöhnlich – und als Frau erst recht. Die meisten Leute wussten damals gar nicht, was EDV überhaupt ist», erinnert sie sich. Doch nach  dem Abschluss der Handelsschule war für sie klar, dass sie einen Beruf wollte, der etwas mit Zahlen zu tun hatte. Ihr Buchhaltungslehrer schlug ihr vor, entweder Buchhalterin oder Programmiererin zu werden. «Als ich IBM eine Blindbewerbung geschickt habe, wusste ich nicht genau, worauf ich mich einlasse – beim Bewerbungsgespräch habe ich gefragt, worin überhaupt meine Aufgaben bestehen würden», sagt Ruth Schlienger heute. «Doch IBM war immer sehr bestrebt, auch Frauen einzustellen und zu fördern, wenn sie interessiert und geeignet waren. Ehrlich gesagt bin ich von der Firma mehr unterstützt worden als meine männlichen Kollegen. Man hat mir verschiedene Aufstiegs-Chancen geboten, die ich jedoch nicht ergriffen habe, da ich nicht gerne Personal führe und auch nicht gerne verkaufe – ich wolllte lieber bei den Zahlen bleiben.» Doch nicht nur ihr Beruf sagte ihr sehr zu, sondern auch die Arbeit mit den vielen Männern: «Häufig verhalten sie sich neutraler und weniger emotional als Frauen, was am Arbeitsplatz sehr angenehm ist.»

 

Liselotte Gygax (43) war während ihrer Ausbildung zur Maschinenmechanikerin (heute Polymechanikerin) auf weiter Flur die einzige Frau: Zur Berufsschule ging sie mit acht männlichen Kollegen, im Betrieb gab es ausser ihr gerade mal eine andere Stiftin. Gestört hat sie das persönlich nicht, und auch ihre anfänglichen Bedenken, dass ältere Mitarbeiter oder Vorgesetzte ihr gegenüber skeptisch sein könnten, waren unbegründet: «Überraschenderweise waren es eher meine Mitstifte, die anfangs ein wenig kritisch waren – doch mit der Zeit hat sich auch dies gelegt.» Doch der Respekt davor, in eine traditionelle Männerbranche einzudringen, hält Liselotte Gygax tatsächlich für einen der Gründe, warum nur wenige Mädchen eine Ausbildung als Maschinenmechanikerin machen. «Ein anderer Grund ist, dass die meisten gar nicht auf die Idee kommen, da sie nie mit einem solchen Beruf in Kontakt kommen.» Bei ihr selber war das anders – von Kindesbeinen an hat sie sich für die Arbeit ihres Vaters, eines Maschineningenieurs, interessiert und in den Ferien bei ihm im Betrieb gejobbt. «Dass ich kein Bürogummi würde, war immer klar», sagt sie lachend, «mir gefällt es, etwas herzustellen, das ich am Ende des Arbeitstages in den Händen halten kann.» Seit 1991 arbeitet Gygax bei SR Technics (ehemals Swissair), die hauptsächlich mit dem Unterhalt an Flugzeugen und Triebwerken beschäftigt ist. Seit 2000 ist sie in der Lehrwerkstatt beschäftigt, wo sie pro Jahr rund 20 Polymechaniker/innen und Produktionsmechaniker/innen ausbildet. «Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist immer noch sehr extrem, was schade ist, denn vom Handwerklichen gesehen sind Frauen in keiner Weise weniger geeignet als Männer. Viele haben Respekt vor mathematischen Fächern, aber wenn jemand diesen Beruf wirklich erlernen möchte, kann ich es nur empfehlen. Ich liebe meine Arbeit noch wie am ersten Tag.»

 

aus: «Ideelle» 4/2013

Text: Nicole Maron, Chefredaktorin «Ideelle»

Foto: zVg

 

 

 

 

1 Kommentar zu Das Mädchen und der Roboter

  1. Ich finde unsere Gesellschaft sollte mehr Frauen, Blinde, Gelehmte, Behinderte.etc. unterstützen damit sie wenigstens das Gefühl haben zu etwas nützlich zu sein.

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