Porträt einer CARE-Mitarbeiterin

CARE.de / Sabine Wilke / HAITI-2010-SW-083

Frau, Mutter, CARE-Mitarbeiterin – Die 33-jährige Mildrède Béliard beschreibt, wie sie Familie und Beruf im Katastrophengebiet von Haiti miteinander vereint: Ich bin in Cap Haitien, der zweitgrößten Stadt Haitis, aufgewachsen, wo die Gesellschaft sehr konservativ ist. Meine Familie ist groß und deshalb habe ich früh gelernt, mich durchzuschlagen. Ich war die Kleinste der Großen und die Größte unter den Kleinen.

Ich musste immer mehr tun, besser sein, mich hinterfragen und nach vorne streben. Dieses Umfeld hat mich und meinen beruflichen Werdegang sehr geprägt. Ich begann mit 13 Jahren zu arbeiten. Zunächst als Moderatorin im Radio und gleichzeitig ehrenamtlich in einer Schule für benachteiligte Kinder.  Ich habe eine Reihe von Kinder- und Jugendgruppen gegründet und betreut. Das war nicht immer einfach, denn in meinem Land wird es nicht gern gesehen, wenn eine Frau die Führung übernimmt. „Normalerweise“ bringen Frauen in Haiti keine Dinge in Bewegung, haben keine Ideen und es entspricht nicht ihrer Natur, finanziell unabhängig sein zu wollen. So lautet die ungeschriebene Regel. Ich bin alleinerziehende Mutter und deshalb muss ich mehr als andere arbeiten, denn die Lebenshaltungskosten in Haiti sind hoch. Schulgebühren, Essen, die Miete, Verkehrsmittel: Alles kostet viel Geld. Manchmal musste ich drei Jobs gleichzeitig machen, um meinen Kindern das Nötigste bieten zu können. Die Arbeitstage waren oft länger als 18 Stunden und ich hatte nur wenig Zeit für meine Familie.

CARE.de / Sabine Wilke / HAITI-2010-SW-083

Vor dem Erdbeben war ich Pressesprecherin beim haitianischen Frauenministerium. Aber das Gebäude wurde am 12.
Januar 2010 komplett zerstört und die Trümmer töteten die Generaldirektorin und drei weitere Angestellte. Um mich
herum herrschte so viel Zerstörung und so viel Leid, dass ich nicht einfach tatenlos herumsitzen konnte. Ich wollte helfen, teilnehmen, nützlich sein. Also kam ich zu CARE. Es gab viel Arbeit und niemand konnte auch nur annähernd davon ausgehen, einfach weiterhin die üblichen Wochenstunden im Büro zu sein. Wir mussten früh kommen und abends lange bleiben, um so viel wie möglich zu schaffen. Ansonsten wären wir in kürzester Zeit in Rückstand gekommen und hätten all die Arbeit nicht bewältigen können. Außerdem gab es noch einen anderen Grund, nicht nach Hause zu gehen: Denn das bedeutete so wenige Wochen nach dem Erdbeben, nachmittags auf einer Bank zu sitzen und auf den Abend zu warten, um dann unter freiem Himmel zu schlafen. Ich habe meine Kinder kurz nach dem Erdbeben in den Norden geschickt, in meine Heimatstadt. Aber jedes Mal, wenn es in Port-au-Prince ein Nachbeben gab, bin ich vor Angst beinahe umgekommen. Denn ich musste immer befürchten, dass die Erde im Norden auch gebebt hat.

Die viele Arbeit hat mir dabei geholfen, meine Gedanken im Zaum zu halten. Als meine Kinder wieder zurückgekommen sind, wurde es für mich schwieriger, abends  lange im Büro zu bleiben oder am Wochenende zu arbeiten. Das Trauma des Erdbebens hat uns alle sehr ängstlich gemacht, die Kinder noch mehr als die Erwachsenen. Sobald es dunkel wird, rufen mich meine Söhne an oder schicken mir Textnachrichten, um zu wissen, wann ich nach Hause komme. Häufig bieten sie mir auch an, mich abzuholen. Seit einiger Zeit wohne ich in der Nähe des Büros, und das beruhigt meine Kinder. Jetzt sind sie sogar manchmal zu Scherzen aufgelegt. Neulich haben wir darüber gesprochen, dass ich häufig spät von der Arbeit nach Hause komme. Und einer meiner Söhne sagte spontan, es sei ihm lieber, dass ich lange  arbeite, anstatt mit einem dieser haitianischen Machos unterwegs zu sein, die mir vielleicht das Herz brechen. Ich liebe meine Arbeit bei CARE. Es ist sehr bereichernd, abends nach Hause zu kommen und zu wissen, dass man den Alltag einer Person verbessert hat. Ich liebe auch das Gefühl, Teil einer großen Familie zu sein. Einmal war ich krank und fast alle Kollegen riefen mich an, einige wollten sogar vorbeikommen, um mich zu pflegen. Ich finde es auch schön, dass man auf meine persönliche Situation Rücksicht nimmt.

Mein Chef würde es mir nie vorwerfen, wenn ich wegen eines kranken Kindes zu Hause bleiben müsste und er würde mich anrufen, um zu fragen, ob ich Hilfe brauche. In einem Land,  in dem Belästigung der Frauen fast so etwas wie eine Institution darstellt, ist das Gefühl, umsorgt und anerkannt zu werden, sehr wertvoll. Und dass diese Anerkennung sich aus der Arbeit ableitet, die ich leiste, und nicht aus irgend-welchen Gefallen, die ich jemandem tun muss. Ich habe vier Söhne, und dazu zwei Nichten, die ich auch als Töchter ansehe. Ich würde mich freuen, wenn sie eines Tages in der humanitären Hilfe arbeiten würden, sollte das ihr Wunsch sein. Es würde mir gefallen zu wissen, dass ich meinen Kindern Anstand, Sinn fürs Teilen und Barmherzigkeit mit auf den Weg gegeben habe. Andererseits braucht man aber auch eine Menge Kraft, um solch einen Beruf auszuüben. Denn ob man will oder nicht, man trägt immer ein Stück des Elends der Menschen, die einem bei dieser Arbeit begegnen, in seinem Inneren mit sich. Und manchmal ist es deprimierend, seine eigene Ohnmacht gegenüber dem Elend der anderen zu spüren. Ich würde es ungern sehen, wenn meine Tochter als ersten Beruf sofort die humanitäre Hilfe wählen würde. Denn ich denke, man braucht ein wenig Lebenserfahrung, bevor man diese Herausforderung annehmen kann. Ich habe mich entschieden, mit meiner Familie in Haiti zu bleiben, trotz aller Schwierigkeiten und Gefahren, trotz aller Zerstörung durch das Erdbeben. Und ich weiß, dass das für meine Kinder bedeutet, dass sie vielleicht nicht alles machen können, was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Ich habe das Glück, in einem Beruf zu arbeiten, den ich leidenschaftlich ausübe, und das trifft nicht auf viele Menschen zu. Ich weiß, dass ich mich im Gegensatz zu vielen anderen Frauen in meinem Land sehr glücklich schätzen kann. Denn ich musste mir meinen Arbeitsplatz noch nie durch Gefälligkeiten verkaufen.

Und ich bin nicht gezwungen, mit einem Mann zusammen zu sein, den ich nicht liebe, nur um meine Familie ernähren zu können.

Aus: care_affair  / care.de

 

 

 

 

 

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