Frauen die täglich ums Ueberleben kämpfen

Von Zeit zu Zeit hören wir in den Nachrichten, dass in der Demokratischen Republik Kongo Frauen vergewaltigt und Opfer brutaler Gewalt werden. Was passiert dort? Viele Berichte dokumentieren, dass jede bewaffnete Gruppe, die am Konflikt im Kongo beteiligt war, systematische Vergewaltigung als Kriegswaffe benutzt hat. Diese Gruppen haben auch andere Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt angewendet, darunter sexuelle Sklaverei, Entführung, Zwangsrekrutierung, Zwangsprostitution, Sodomie und Kastration.

Männer wurden gezwungen, weibliche Familienangehörige zu vergewaltigen. Doch auch andere Formen von Gewalt haben zugenommen: Zwangsprostitution, Zwangsheirat, Vergewaltigung innerhalb der Zivilbevölkerung, Menschenhandel, häusliche Gewalt.

Gibt es Zahlen oder Schätzungen darüber, wie viele Frauen vergewaltigt wurden?

Es gibt Zahlen, aber das sind eben auch nur Zahlen. Jedes Opfer ist eines zu viel. Laut Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) gab es allein in der Region Nord-Kivu im ersten Halbjahr 2009 bereits 2.217 neue Fälle von  Vergewaltigung. Dahinter stehen noch viel mehr, die nicht erfasst wurden. In neun Konfliktzonen, die die Organisation Human Rights Watch seit Januar 2009 beobachtet hat, hat sich die Zahl der Vergewaltigungen im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt oder sogar verdreifacht. Mehr als die Hälfte der Fälle waren Gruppenvergewaltigungen mit mindestens zwei Tätern. Das jüngste Opfer war zwei Jahre alt. Auch die Fälle, in denen Männer vergewaltigt wurden, nehmen zu. Am schrecklichsten sind aber die Zeugenberichte hinter diesen Zahlen.

Eine Frau sagte zu mir:

„Ich fühle mich zu Hause am unsichersten – sie kommen und nehmen deinen Mann mit, manchmal vergewaltigen sie dich und zwingen deinen Mann, die Tochter zu vergewaltigen.“

Noch erschreckender ist das Schweigen, das eine andere Überlebende beschrieb:

„Als Frauen werden wir immer still sein müssen, wir werden nichts von dem, was uns angetan wurde, anzeigen können. Stell dir das vor: du bist verheiratet. Dein Mann wird getötet, du wirst vergewaltigt, du blutest, du wirst immer kränker – und du bist einfach still.“

Wird Vergewaltigung im Kongo als Verbrechen geahndet?

Ja, es gibt Gesetze gegen sexuelle Gewalt. Viele Haushalte regeln Gewaltverbrechen gegen Frauen jedoch außerhalb des
Gerichtssaals. Manche Vergewaltigungsopfer erhalten Geldzahlungen vom Täter oder dessen Familie. Manchmal wird der Täter auch mit dem Opfer verheiratet. Nur ein Bruchteil der Fälle ist dokumentiert; die offiziellen Zahlen  berück-sichtigen solche traditionell gelösten, außergerichtlichen Fälle nicht. Diejenigen Überlebenden, die versuchen, die Täter vor Gericht zu bringen, scheitern oft unter anderem an einem korrupten und überforderten Justizsystem, zu hohen Kosten oder weiten Entfernungen zum nächsten Gerichtssaal.

Droht den Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, danach auch noch Diskriminierung?

Allerdings. Der Staat, die Gemeinden, ihre Familien und Ehemänner – sie alle sind an der Diskriminierung beteiligt. CARE
hat den Bedarf an einer ganzheitlichen Hilfe für Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt erkannt, wir haben uns auf die soziale und wirtschaftliche Wiedereingliederung sowie psychosoziale Hilfe misshandelter Frauen spezialisiert. Wenn Frauen vom wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen werden, droht ihnen weitere Diskriminierung. Indem sie sich an Programmen zur Einkommenssicherung, zum Sparen und zu Mikrokrediten beteiligen, wächst in den Frauen und Mädchen wirtschaftliche Erfahrung und Selbstbewusstsein.

Was brauchen die Frauen im Kongo am nötigsten?

Frauen, die sexuelle Gewalt überlebt haben, möchten schlicht und ergreifend, dass diese Misshandlung aufhört. Für sie, für ihre Familien, für ihre Nachbarn, für ihr Volk. Es reicht. CARE engagiert sich dafür, sexueller Gewalt vorzubeugen, indem wir die Wurzeln der Konflikte und der Armut angehen. Wir wollen die Frauen in allen Phasen einer Notsituation stärken.

Starke Frauen können bekanntermaßen viel verändern. Helfen die Frauen im Kongo sich gegenseitig und wenn ja, wie?

Die meisten Frauen helfen sich selbst und erhalten Unterstützung aus ihrem Umfeld, von Familien, Nachbarn, Kirchen. Oft leben sie isoliert und wissen nicht, dass es Hilfe von internationalen Organisationen wie CARE gibt. Diese Form der inoffiziellen Hilfe sollte stärker beachtet und unterstützt werden.

Bekommen auch Männer CAREs Unterstützung oder arbeiteten Sie nur mit Frauen zusammen?

CARE kümmert sich in allen Programmen zur geschlechtsspezifischen Gewalt auch um Männer und Jungen. Wir  unter-suchen und hinterfragen Geschlechterrollen und kulturelle Normen. Um Einstellungen und bestimmte Verhaltensweisen zu verändern, beteiligt CARE Männer und Jungen an zahlreichen kreativen Projekten, etwa an interaktivem Theater und Radioprogrammen, und konfrontiert sie mit Themen wie Männlichkeit, Intimität in der Partnerschaft und Gewalt gegen Frauen. Sie sollen verstehen, welch zerstörende Auswirkungen sexuelle Gewalt in ihrem Umfeld hat. Wir müssen zusätz-liche, effektive Wege finden, die Männer einzubinden. Auch müssen wir männlichen Opfern helfen, die bisher unerkannt geblieben sind

Was muss die internationale Gemeinschaft, was müssen Staaten wie Deutschland tun, um die Situation zu verbessern und den Frauen im Kongo zu helfen?

Die internationale Gemeinschaft sollte die Regierung des Kongo in die Verantwortung nehmen. Die Demokratische Republik Kongo hat die meisten internationalen Chartas und Verträge zu Frauen und Kindern unterschrieben. Auch wurden im nationalen Recht Gesetze verabschiedet, um die geschlechtsspezifische Diskriminierung zu beenden, darunter ein Gesetz gegen sexuelle Gewalt im Jahr 2006, zum Kinderschutz 2009 und ein landesweites Programm gegen HIV/AIDS im Jahr 2004. Zum ersten Jahrestag der UNO-Resolution 1820, die sexuelle Gewalt in und nach Konflikt-situationen als Straftat ansieht, wurde sich zu wenig mit den Rechten der Opfer beschäftigt, etwa mit deren physischer Gesundheit, psychosozialer Hilfe und Lebensunterhalt. Die Unterstützung auf diesen Gebieten ist der Schlüssel zur Hilfe für die Überlebenden. Ohne größere Investitionen in die grundlegende Unterstützung von Überlebenden werden Reformen des Justiz- und Sicherheitssektors weder zu einer Verbesserung in der Vor- noch in der Nachsorge von sexueller Gewalt führen.

Für uns hier in Deutschland ist es kaum vorstellbar, was die Frauen im Kongo erleiden müssen. Wie sind Sie mit den Geschichten umgegangen, die Ihnen die Frauen tagtäglich erzählt haben?

Meine Rolle war nicht schwierig, ich musste ja nur zuhören. Die Frauen jedoch, sie mussten unter der Gewalt leiden und werden sich ihr ganzes Leben lang daran erinnern. Sie haben die Albträume, wurden von ihrer Gemeinde und manchmal sogar ihrer eigenen Familie diskriminiert. Sie müssen mit der Angst leben, dass der Täter Rache üben wird, wenn sie ihn verraten oder vor Gericht gehen. Was ich empfand, war vor allem Bewunderung für ihre Belastbarkeit – und Wut, wenn Leute sie als wehrlose Opfer behandeln. Denn was ich sah, waren Frauen, die jeden Tag ums Überleben kämpften und darum, sich um ihre Familien kümmern zu können. Diesen Frauen müssen wir helfen. Jede der Überlebenden hat eine Geschichte zu erzählen, die ein ganzes Buch füllen könnte.

 

Ein Bericht von Mireia Cano Vinas, CARE Gender-Expertin, arbeitete zehn Monate lang in der Demokratischen Republik Kongo und half dort Frauen, die vergewaltigt wurden.

 

Aus: care_affair  / care.de

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