DAS ZWEITE BEBEN (Teil 1)

Bild: care.de

Vergewaltigungen, Schläge, Demütigung: Frauen und Mädchen in Haiti sind nach dem Erdbeben häufig machtlos gegenüber Gewalt. 

Es ist dunkel, Regen fällt auf die Plastikplane. Draußen hört sie Stimmen, die näher kommen. Roselyn ist nicht alleine, ihre drei jüngeren Geschwister schlafen auf der einzigen Matratze, die in dieser behelfsmäßigen Unterkunft liegt. Die Männer, es sind drei, heben den Vorhang und dringen in die Unterkunft ein. Roselyn wehrt sich, tritt mit aller Kraft. Doch die Männer sind bewaffnet, mit Messern und Pistolen. Brutal halten sie Roselyn den Mund zu. Die Geschwister wachen auf und drängen sich voller Angst an den Rand des Zeltes. Schließlich verschwinden die Männer; und es ist wieder nur der prasselnde Regen zu hören.

Roselyn gibt es nicht, diese Szene ist erfunden. Aber so oder so ähnlich könnte sie passiert sein, denn es gibt in Haiti
Tausende andere Roselyns. Mütter, junge Frauen, Mädchen, die Tag für Tag vergewaltigt und missbraucht werden. Seit
dem 12. Januar 2010, als ein Erdbeben der Stärke 7,0 auf der Richterskala die Hauptstadt Port-au-Prince und weite Teile des Umlands in Schutt und Asche legte, leben fast eine Million Menschen in provisorischen Camps. Familien wurden auseinandergerissen, Nachbarn getrennt. Auf engem Raum haben sich diejenigen zusammengefunden, die alles verloren haben. Doch der Albtraum nahm besonders für Frauen und Mädchen auch nach dem Erdbeben kein Ende. Täglich sind sie von Übergriffen und Gewalt bedroht, die verschiedenste Formen annehmen. Doch wer in den Camps danach fragt, erhält meist keine oder eine verneinende Antwort. Angst, Scham und ein Gefühl der Rechtlosigkeit prägen die Situation von Frauen und Mädchen in Haiti.

 

Nach der Apokalypse: kein Schutz, nirgendwo

Kurz nach dem Erdbeben war die Situation besonders chaotisch. Janet Meyers, CARE-Gesundheitsexpertin in der  humanitären Hilfe, erinnert sich noch genau an die Zustände: „Die Camps und spontan errichteten Lager waren so  überfüllt, es gab überhaupt keine Privatsphäre, geschweige denn angemessene Latrinen und Duschmöglichkeiten. Oft wollten die lokalen Behörden nicht, dass die Menschen an dem öffentlichen Platz bleiben, obwohl sie nirgendwo anders hin konnten. Es gab so viele schwangere Frauen, die überhaupt keine medizinische Versorgung bekamen. Viele von ihnen mussten einfach unter freiem Himmel gebären.“

Mobile Kliniken und Krankenstationen konnten die grundlegende medizinische Versorgung garantieren, aber sie waren
nicht dafür ausgerichtet, Frauen die nötige Unterstützung und Privatsphäre zu geben, die sie im Falle von Schwanger-schaft, sexuellem Missbrauch oder für Fragen der Familienplanung benötigten. Aber kann man Frauen und Mädchen
überhaupt schützen in einer Katastrophe? Wenn Chaos herrscht, und die größte Sorge zunächst ist, den Menschen  obdach, sauberes Wasser und ein wenig Nahrung zu geben, wie passt da Schutz gegen sexuelle Gewalt hinein? „Ein  wichtiger Schritt ist es zunächst, Frauen und Mädchen daran zu beteiligen, wo welche Hilfsleistungen erbracht werden“, betont Janet Meyers. Sie reist in Krisengebiete, um sicherzustellen, dass die Gesundheit besonders von Frauen in der Nothilfe berücksichtigt wird. „Frauen und Mädchen können uns sehr genau sagen, wo beispielsweise die Latrinen und Duschmöglichkeiten hingestellt werden können und wo sie sich wiederum nicht sicher fühlen.“ Daneben müssen Organisationen auch darauf achten, dass die unmittelbare Hilfe, also die Verteilung von Nahrung und anderen Gütern, bei den Frauen ankommt.

 

Ladies first

In den ersten Wochen nach dem Erdbeben in Haiti hat CARE täglich Hilfsgüter verteilt – von Wassereimern über Reis bis zu Plastikplanen – und konnte damit den Menschen beim Überleben helfen. Die Not war enorm, mehr als 3,4 Millionen Einwohner Haitis waren betroffen. Vor allem ältere Witwen, alleinerziehende Frauen und junge Mütter brauchten dringend Unterstützung. Damit die Verteilungen nicht in Gewalt und Chaos endeten, griff CARE auf ein bewährtes System zurück: Die Hilfsgüter wurden ausschließlich an Frauen ausgegeben. Auch wenn die Männer und Söhne anschließend beim Tragen halfen, so haben sich Frauen als geduldiger erwiesen – selbst wenn sie teilweise mehrere Stunden warten müssen, bis sie an der Reihe sind. Gleichzeitig sind Frauen diejenigen, die traditionell für den Haushalt und die Kinder verantwortlich sind. Sie sind also besonders bedacht darauf, die Hilfsgüter vollständig und sicher zu ihren Familien zurück zu bringen. Und schließlich verhindert die Verteilung an Frauen ein weiteres Abhängigkeitsverhältnis: Wenn Männer Hilfsgüter bekommen, erpressen sie Frauen später häufig, diese nur gegen sexuelle Leistungen zu erhalten. Wenn Frauen selbst die Empfängerinnen der Hilfe sind, werden sie vor dieser Demütigung geschützt. Aber Schutz bedeutet mehr: „Ich kann nicht oft genug betonen, wie wichtig eine sichere Unterkunft ist“, berichtet Janet Meyers. Als die erste Not gelindert war, hat CARE in besonders betroffenen Gebieten rund um Port-au-Prince mit dem Aufbau von Übergangs- häusern begonnen. Darin finden viele Frauen die Sicherheit von vier Wänden und einer soliden Tür, die ihnen in den Camps fehlt. Und dort, wo weiter Lager bestehen, arbeitet CARE mit Komitees der Bewohner zusammen, um gegen die Gewalt vorzugehen. Sicherheit in den Camps, die abschreckend für mögliche Täter ist, sei das Wichtigste, so die Expertin Meyers. Das können nächtliche Patrouillen, Beleuchtung bei den Waschstationen oder die Nutzung von Trillerpfeifen
und Taschenlampen sein. Die Frauen lernen zudem, dass sie sich wehren und Gewalttaten anzeigen können. Denn eine Kultur der Straflosigkeit bedeutet permanente Agonie für Frauen. Sie bedeutet Angst und Ohnmacht, die die ohnehin schon schwere Situation nach dem Beben für Frauen und Mädchen schier unerträglich macht.

Den 2. Teil gibt es hier in einer Woche zu Lesen (2. Oktober 2013)

Bild: care.de

 

Aus: care_affair  / care.de

 

 

 

 

 

 

 


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