Das Unglück, eine Frau zu sein (Teil 1)

Der Erfahrungsbericht meiner guten Freundin, Aziza S.

Ich wurde in einem kleinen Dorf im Norden von Somalia geboren. Vier Geschwister: drei Mädchen und ein Junge. Unsere Mutter galt als eine Schande: wieder eine dieser Frauen, die viele Mädchen gebar. Unser Vater hat neun Kinder mit drei verschieden Frauen. Die letzte hat ihm zwei Söhne geschenkt, mit ihr lebt er nun. Seine vier Söhne sind sein ganzer Stolz. Wir Mädchen bekommen ihn nur selten zu Gesicht, wir seien es nicht wert. So sind wir uns selbst überlassen. Unsere Mütter sind Sklavinnen dieser Lebensform.

Meine Zwillingsschwester Sona und mich verband schon immer eine starke Kraft. Wie viele Zwillinge waren wir unzertrennbar. Diese Bindung erlaubte es uns den harten Alltag, den wir lebten, zu überstehen. Noch als Kleinkind wurde an uns eine Prozedur durchgeführt, bei welcher man uns die Geschlechtsteile verstümmelte und zunähte. Wir konnten noch kaum laufen und sprechen, als wir Aufgaben wie Waschen, Putzen, Wasser holen und Kochen erledigen mussten.

Zum Spielen hatten wir keine Zeit und für die Schule erst recht nicht, denn die „fleissigen Jungs und Männer“ mussten bedient werden. Während unser Bruder immer besser, in uns so fremd erscheinenden aber umso spannender wirkenden Dingen wie Mathe, Geschichte und Sprachen, wurde, wuschen wir uns die Hände wund. Wie oft träumten wir von dem Tag, an dem auch wir solche wunderbaren Dinge beherrschen und vielleicht sogar einen Beruf erlernen könnten.

Doch dieser Tag kam nie.

Als ich sechs Jahre alt war, kam ein reicher Mann, der mir als mein Onkel vorgestellt wurde. Er verschwand mit meiner Mutter in unserem Vorhof und ich hörte sie lange diskutieren. Als sie zurück kamen, hatte meine Mutter feuchte Augen. Sie nahm mich an der Hand, umarmte mich fest und sagte mir, ich solle jetzt mit meinem Onkel mitgehen. Alles würde gut werden und wir würden uns schon bald wieder sehen. Daraufhin ging sie in mein Zimmer und packte mein ganzes Hab und Gut in eine kleine Tasche. Ich hatte nicht einmal die Zeit, mich von meinen Geschwistern zu verabschieden.

Meine Mutter sah ich nie mehr.

An diesem Tag nahm mein Leben eine drastische Wende.

Dieser Onkel nahm mich mit auf eine Art Markt. Zu meinem Erstaunen waren dort viele Mädchen in meinem Alter. Alle sahen genau so aus wie ich, alle fühlten sich ängstlich und verloren. Es schlichen mehrere merkwürdige Gestalten herum und flüsterten unserem Onkel Preise zu. Schliesslich willigte mein Onkel glücklich ein und übergab mich einem anderen Mann. Er sagte mir mit einem grossen Lachen auf dem Gesicht: „Glückwunsch Mädchen, du reist nach Europa!“

Diese Worte ergaben für mich junges, ungebildetes Mädchen überhaupt keinen Sinn. In diesem Moment fühlte ich nur Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit.

Morgen könnt ihr hier den 2. Teil dieses Erfahrungsberichts lesen.

 

Zur Aktion „92 Tage für Mädchen“

Mit der Aktion „92 Tage für Mädchen“ fordern engagierte Frauen und Mädchen aus der Schweiz gemeinsam mit Plan: „Bildung und Schutz für Mädchen weltweit!“ Vom 12. Juli 2013, dem Geburtstag der pakistanischen Bloggerin und Aktivistin für Mädchenrechte Malala Yousafzai, bis zum 11. Oktober, dem internationalen Mädchentag, werden jeden zweiten Tag künstlerische Beiträge zur Situation der Mädchen weltweit auf www.plan-schweiz.ch/92tage publiziert, die aufrütteln, berühren, beflügeln – und zur Mithilfe aufrufen.

Die Aktion endet am 11. Oktober 2013 – dem internationalen Mädchentag – mit einem Anlass für Gross und Klein auf dem Berner Bundesplatz.“

 

 

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