Ich erziehe mein Kind — mit meiner besten Freundin

Zeit für Menschen und Beschäftigungen, die man liebt — das ist heutzutage Luxus, vor allem für die Frauen unter uns, die Job, Kind und Haushalt unter einen Hut bekommen müssen. Umso mehr sind wir auf tatkräftige Unterstützung angewiesen: Freunde und Verwandte, die bei der Erziehung mithelfen und/ oder das Babysitten übernehmen, sind Gold wert. Nicht immer können wir uns revanchieren und auf dieselbe Art und Weise mit Zeit und Geduld dienen. Der Dank, den man schuldet, kann zu einem schlechten Gewissen führen, dessen Ballast man im Alltag mit sich herumschleppt. Bei mir zumindest war das so, und zwar eine ganze Zeit lang. Ein Gefühl, das mich fast auffraß. Und zu der besten Entscheidung meines Lebens führte. Nun erziehe ich mein Kind nicht mehr allein, sondern zusammen mit meiner besten Freundin.


Bildquelle: MegaBu7/flickr.com (CC)

 

 

Eine heile Welt: nachgeholt, vorgegaukelt

Ich war ziemlich ratlos, als ich mich bei meiner guten Freundin Sabine* bedanken wollte für all die unzähligen Male, die sie auf meinen Sohn aufpasste. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass eine so kleine Sache wie das selbstgemachte Fotobuch, das ich ihr ein paar Monate später schenken sollte, einen Einfluss darauf haben würde, wie unsere Lebenswege verliefen.

Alleinerziehend? Das wollte ich nie sein. Dennoch kam es anders, als mich mein Freund verließ und nichts mit unserem Kind zu tun haben wollte. Seitdem war ich mehr denn je auf Sabine angewiesen. In den letzten vier Jahren war ich beruflich stark eingespannt. Nach Feierabend musste ich oft auf Veranstaltungen gehen, die ich am nächsten Morgen auch noch aufbereiten musste; ebenso standen Networking-Abende mit Kollegen und potenziellen Kunden an, bei denen ich keinesfalls absagen konnte, auch wenn mir jedes Mal das Herz blutete, mein Kind wieder alleine lassen zu müssen. Am Wochenende versuchte ich, die verlorene Zeit nachzuholen — doch das belastete mich nur noch zusätzlich, denn ich versuchte (wie bei meiner letzten Fernbeziehung, aus der auch mein Sohn hervorging) für uns beide jede Sekunde so angenehm wie möglich zu gestalten. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, eine ‚heile Welt‘ vorzugaukeln, um der Harmonie willen alles Unangenehme fernzuhalten, stets nachgiebig zu sein und den Alltag, den wir an zwei freien Tagen hatten, bloß nachzuspielen. Wollte ich so mein Kind erziehen, in einer hermetischen Blase, in der Zurechtweisungen, Enttäuschungen und Streit keinen Platz hatten? Schließlich müsste ich ihn als Elternteil auf alle Konfliktsituationen des Lebens und deren Lösungen vorbereiten, indem ich ihn auch mal gegen die Wand fahren lasse, oder etwa nicht? Ungefähr zu dieser Zeit las ich diese Passage aus einem Interview mit Eva Illouz. Sie brachte mich ins Grübeln.

 

Schuldgefühle, doppelt und dreifach

Die Schuldgefühle meinem Sohn gegenüber waren nicht die einzigen. In den seltsamen Windungen meines Gehirns kam weiterer emotionaler Ballast zustande, denn: Die einzige Person, der ich mein Kind zu hundert Prozent anvertrauen konnte, nämlich Sabine, kann keine Mutter werden. Nicht auf natürlichem Wege. Weshalb ich jedes Mal, als ich meinen Sohn am frühen Abend zu ihr brachte, meinte, nicht nur Freude in ihren Augen ablesen zu können. Ich hatte das ungute Gefühl, dass sie mir indirekt vorwarf, eine schlechte Mutter zu sein. In meinem Kopf hörte ich sie sagen: „Ausgerechnet du kannst Kinder bekommen und bist nicht einmal für deinen Sohn da. Ich hingegen könnte welche mit all meiner Aufmerksamkeit erziehen und kann es nicht.“ Natürlich bildete ich mir das bloß ein Eine so herzensgute Person wie sie würde das niemals denken. Aber das schlechte Gewissen ließ mich nicht in Ruhe. Vor allem auch, da ich wusste, dass ich mit keinem Geschenk der Welt ausdrücken konnte, wie dankbar ich ihr für die Entlastung und Aufopferung war. Neben meinem Sohn war sie die wichtigste Person in meinem Leben.

 

Sabine

Sabine hat einen Doktor in Kulturwissenschaften. Diesen hat sie vor ein paar Jahren in San Francisco erworben, und seitdem sie wieder in Deutschland ist, arbeitet sie an einem angesehenen Universitätsinstitut. Für wenig Geld, dafür mit viel Freizeit. Sie ist glücklich, obwohl am Monatsende kaum was übrig bleibt. Ihr privates Leben gestaltete sich hingegen schon immer etwas komplizierter — ich weiß es, schließlich war ich seit unserer Studienzeit dabei. Bei allen Beziehungen, die sie führte, war das Ende bereits absehbar. Meistens war es der Augenblick, in dem sie ihrem Partner mitteilte, dass sie keine Kinder kriegen könne. Manchen machte das nichts aus, so schien es zunächst, doch dann wurde sie trotzdem verlassen. Irgendwann gab sie auf. Fortan konzentrierte sie sich verstärkt auf ihre Interessen, sei es jetzt die Wissenschaft oder ihre große Leidenschaft, die Musik. Auf Männer konnte sie, bis auf die gängigen One-Night-Stands, verzichten.

Zwei Sätze, die mein Leben veränderten

Es war zu dieser Zeit, dass ich die oben erwähnte Passage aus einem SPIEGEL-Interview mit der Soziologin Eva Illouz las. Einer ihrer Gedanken, in nur zwei Sätzen formuliert, hat mich sofort fasziniert: Das klassische Erziehungsgebilde Mann-Frau-Kind würde in Zukunft als Familienmodell ausdienen, sagte sie. Die Erziehung eines Kindes könnte auch in einer Gemeinschaft stattfinden, die nicht an (heterosexuelle) Liebe gekoppelt sei. Ich begann darauf hin, Vieles zu hinterfragen: Warum würde ich auf Biegen und Brechen einen neuen Mann finden wollen, der mein Kind akzeptiert, nur damit wir uns in der Öffentlichkeit und vor Verwandten als ‚die klassische Familie‘ darstellen konnten? Hatte ich nicht bereits jemanden gefunden, der meinem Sohn so nahe ist wie ich und ihn genauso liebt?

www.youtube.com/embed/n9fi4rHSR-w

 

Eines Tages, beim Anflug neuer Gewissensbisse, frage ich meinen Sohn beim Frühstück: „Was hast du gestern bei Sabine gemacht? Was hat sie dir beigebracht? Was hat dir am besten gefallen?“ Er schaute mich verdutzt an und sagte „Es gab super Rosenkohlsuppe!“ Ich war erstaunt — mit diesem Gemüse konnte ich ihn sonst immer erfolgreich in die Flucht geschlagen. Sabine hingegen hat es geschafft, ihm etwas Verhasstes schmackhaft zu machen. Wir schrieben fortan ein oder mehrere Stichworte in ein Büchlein, in dem Fall „Rosenkohl kann auch ganz lecker sein“, datierten den Eintrag und stellten die Szenerie nach, indem sich mein Sohn mit einem Kochlöffel und Topf in der Küche positionierte. Ich fotografierte ihn dabei. Ab diesem Zeitpunkt machten wir das zwei Jahre lang, bevor ich ihn zur Schule brachte. Ein abendlicher Besuch bei Sabine war seitdem gleichbedeutend mit einem Foto am Morgen. Klick! Ich fasste einen Entschluss.

 

Ein “Danke” reichte nun mal nicht aus

Zunächst sammelte ich alle Fotos zusammen, die ich im Laufe der letzten Monate von meinem Sohn in genannten Situationen aufgenommen hatte, und machte daraus bei Pixum ein Fotobuch, das ich geschmackvoll Leinen binden ließ. Ich hatte über 50 chronologisch geordnete Fotoseiten, die ich mit all den passenden Einträgen aus unserem Notizbuch untertitelte: „Heute nicht geärgert bei ‚Mensch ärgere dich nicht‘!“, „Wenn ich krank bin, huste ich ab jetzt in die Ellenbeuge“ oder „Die Sonne ist auch bloß ein Stern“. Jede Szene stand für dich selbst. Bei unserem nächsten Abend übergab ich Sabine das Album. Sie war sprachlos. Als wir es zusammen durchblätterten, war auch ich auf einmal überwältigt. Nun hatte Sabine Schritt für Schritt einen bildlichen Beweis dafür, wie sie die Persönlichkeit eines jungen Menschen formte, wie sie ihn zum Denken anregte und ihm Manieren beibrachte. Sie war bereits ein Elternteil geworden, ohne es zu wissen. Ich fasste mir ein Herz und formulierte einen Wunsch, den ich eine gefühlte Ewigkeit mit mir herum getragen hatte. Nach einer langen Pause der Überraschung sagte sie „ja“. Ich habe gefragt, ob wir mein Kind gemeinsam erziehen wollen.

* Name geändert

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