Mit Kopf, Herz und Hand

Im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen (AR) treffen nicht nur verschiedene Nationalitäten, sondern auch drei Generationen aufeinander. Christian Fünfschilling (11), Enes Sejdini (12), Tamara Lenherr (35) und Dolkar Gyaltag (64) erzählen von ihren Erfahrungen, Schwierigkeiten und Erfolgserlebnissen.

Aufgebaut wurde das Kinderdorf Pestalozzi im appenzellischen Trogen ursprünglich, um nach dem Zweiten ­Weltkrieg Kriegswaisen aus ganz Europa aufzunehmen. Die Initiative ging zurück auf den Journalisten Walter Robert Corti, der in der Zeitschrift «DU» die Idee formulierte, ein Dorf für notleidende Kinder aufzubauen. Dank zahlreicher freiwilliger Helfer/innen sowie grosszügiger Spenden aus der Schweizer Bevölkerung konnte das Dorf 1946 eröffnet werden. Die ersten Bewohner kamen aus Frankreich, Polen, Österreich, Ungarn und Deutschland – also aus Nationen, die sich während des Krieges zum Teil als Feinde gegenüber gestanden hatten. Einer der zentralen erzieherischen Grundgedanken des Kinderdorfes war, ein friedliches Zusammenleben ohne politische, kulturelle oder religiöse Vorurteile zu ermöglichen.

Seit 1982 engagiert sich die Stiftung neben den Angeboten im Kinderdorf direkt in den Programmländern. In Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen in elf Ländern wird eine Vielzahl von Projekten angeboten, an denen allein im Jahr 2012 320000 Kinder und Jugendliche teilgenommen haben. Im Kinderdorf selbst leben momentan rund 30 Kinder und Jugendliche aus schwierigen familiären Verhältnissen, die aber anders als früher nicht aus dem Ausland geholt werden, sondern bereits eine Weile in der Schweiz leben.

Neben den Wohnmöglichkeiten, der internen Schule und der internationalen Entwicklungszusammenarbeit bietet die Stiftung eine Reihe von Austauschprojekten für Schulklassen aus der Schweiz und aus Südosteuropa an. Themenschwer-punkte sind Rassismus und Diskriminierung, interkultureller Austausch und Begegnung sowie Kinder- und Menschenrechte. Die Austauschwochen sind bei Schweizer Schulklassen beliebt und hinterlassen oft einen bleibenden Eindruck. Zwei Teilnehmer und eine Leiterin berichten über ihre Erfahrungen:

Am besten gefällt ihm der Skaterpark – in jeder freien Minute übt er an der grossen Rampe, die er in dieser Woche unbedingt noch schaffen will. Der 11-jährige Christian Fünfschilling aus Binningen im Kanton Basel-Land nimmt gemeinsam mit seiner Schulklasse an einem Austauschprojekt des Kinderdorfs Pestalozzi teil, in dessen Rahmen Schweizer und mazedonische Kinder lernen, wie man trotz Sprachbarrieren miteinander kommunizieren und zusammen Spass haben kann. Es sollen Vorurteile abgebaut und Chancen geboten werden, eine fremde Kultur in persönlichen Begegnungen kennenzulernen. «Wir dachten zuerst, die Mazedonier sind sicher ganz anders als wir und ein bisschen komisch», gibt Christian zu. «Aber sie machen eigentlich genau das Gleiche wie wir auch – Fussball spielen, chillen, abhängen.» Eine Erkenntnis, die Kinder offensichtlich viel schneller akzeptieren als viele Erwachsene: «Allein durch das Kindsein gibt es so viele Gemeinsamkeiten, dass die Unterschiede nicht mehr so wichtig sind», sagt Leiterin Tamara Lenherr. Und das, obwohl die meisten Teilnehmer keine gemeinsame Sprache haben – diejenigen, die Englisch können, übersetzen ein bisschen, aber ansonsten versteht man sich mit Händen und Füssen ganz prima, vor allem beim Sport. «Probleme? Nein, eigentlich nicht. Es gab bisher keine Schlägerei», so Christians Fazit.

Vorurteile auf mazedonischer Seite gab es natürlich auch – doch die waren eher positiv. «Meine Freunde zu Hause sind alle eifersüchtig, weil ich in die Schweiz gefahren bin. Für uns ist das ein Land, in dem alles sehr schön und die Leute nett und freundlich sind», sagt der 12-jährige Enes Sejdini aus Gostivar, Mazedonien. Seine Erwartungen haben sich bestätigt, und im Kinderdorf fühlt er sich sehr wohl. «Die Häuser sind zwar ein bisschen alt, aber ich finde es schön, dass sie aus Holz sind», lautet sein ehrliches Urteil. Deshalb hat er auch fast kein Heimweh – «nur das Essen ist sehr ungewohnt für uns», lacht er.

Tamara Lenherr kennt diese Schwierigkeiten, aber auch die Erfolgserlebnisse sehr gut – seit sechs Jahren leitet die 35-Jährige die Schulprojekte des Kinderdorfs. «Ich bin jedes Mal wieder positiv überrascht, wie gut es funktioniert», sagt die ausgebildete Primarlehrerin. «Ich glaube nicht, dass man eine Gruppe von Erwachsenen auf diese Weise zusammensetzen könnte und so wenig Probleme hätte.» Durch Sport, Spiel, Kurse und weitere gemeinsame Aktivitäten erwerben die Kinder spielerisch interkulturelle Kompetenzen. Ganz nach dem Grundsatz von Johann Heinrich Pestalozzi, dem Namensgeber des Kinderdorfes, wird hier nicht nur kognitiv, sondern «mit Kopf, Herz und Hand» gearbeitet. Doch auch die Reflexion darf nicht fehlen – die Kinder schreiben regelmässig Tagebuch. «Dies bietet den Kindern eine Möglichkeit zur Selbstreflexion», erklärt Lenherr. «Wir möchten wissen, wie sich die Kinder in bestimmten Situationen fühlen, was sie schwierig finden und wann sie das Gefühl haben, etwas besonders gut gemacht zu haben.» Die Tagebücher sind privat und die Kinder können selber entscheiden, ob sie Teile davon vorlesen oder den Lehrern zeigen möchten. «Es geht viel mehr darum, dass sie selber über sich und ihr Verhalten, über die Bilder in ihrem Kopf nachdenken. Es gibt sehr oft Aha-Erlebnisse wie bei Christian, der gemerkt hat, dass die Mazedonier gar nicht so komisch sind. Damit ist eins unserer grössten Ziele erreicht.»

Dolkar Gyaltag hat über dreissig Jahre ihres Lebens im Kinderdorf verbracht. Als 11-Jährige ist sie mit ihrer jüngeren Schwester und einer Gruppe von 18 weiteren tibetischen Kindern als Flüchtling in die Schweiz gekommen. Die politische Situation machte ein sicheres Leben in Tibet unmöglich, Gyaltags Familie wurde getrennt – der Vater und drei Kinder konnten nach Indien fliehen, die Mutter und drei weitere Kinder blieben in Tibet. Im Kinderdorf fand sie ein neues zuhause, mit dem sie sich so sehr verbunden fühlte, dass sie 1986 zurückkehrte und zusammen mit ihrem Mann die Hauselternschaft für das tibetische Kinderhaus übernahm. In dieser Funktion begleitete das Ehepaar die tibetischen Kinder als Hauseltern auf ihrem Ausbildungsweg im Kinderdorf. Auch ihre zwei eigenen Kinder sind im Kinderdorf aufgewachsen.

«Uns lag es am Herzen, dass die Kinder die Kultur ihrer Heimat nicht verlieren und sich trotzdem in der Schweiz zu Hause fühlen», sagt die 64-Jährige. «Deshalb haben wir  beispielsweise Wert darauf gelegt, dass sie sowohl Tibetisch als auch Deutsch sprachen.» Die Idee der Friedenserziehung, die dem Kinderdorf zu Grunde liegt, entspricht Gyaltag voll und ganz: «Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen die Kinder hierherkommen, ist es ein wunderbarer Ort zum Aufwachsen. Hier verschwinden ethnische und politische Vorurteile – einer unserer Jugendlichen beispielsweise war auch mit einem chinesischen Mädchen befreundet.»

aus: «Ideelle» 4/2013

Text und Fotos: Nicole Maron, Chefredaktorin «Ideelle»

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