Ein System vor dem Kollaps

Der Schweiz droht in den kommenden Jahren ein akuter Mangel an qualifiziertem Gesundheitspersonal. Das Alpenland braucht bis ins Jahr 2020 mindestens 25‘000 zusätzliche ausgebildete Angestellte im Gesundheitswesen. Das entspricht rund 12 Prozent der heute in den Institutionen Beschäftigten. Gleichzeitig stecken neue Berufs-ausbildungen wie Fachfrau/-mann Gesundheit (FaGe) oder Diplomierte Pflegefachperson (HF Pflege) noch in den Kinderschuhen.

Der Versorgungsbericht der Gesundheitsdirektoren-Konferenz GDK und der Oda Santé verkündet düstere Prognosen: Die Zahl der jährlichen Abschlüsse in den Pflegeberufen liegt massiv unter dem aktuellen und künftigen Bedarf. In Zahlen:

Jedes Jahr werden rund 4‘600 Pflegefachleute zu wenig ausgebildet. Das Loch in den Personalreihen wächst jedoch nicht nur hier. Auch den Bereichen Labor, Therapie und Medizinaltechnik drohen Engpässe beim Personal und somit in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Ist die Rekrutierung aus dem Ausland eine Lösung? Oder liegt das Problem in der Ausbildung innerhalb der eigenen Grenzen?

Problematische Abhängigkeit

Unser Gesundheitssystem zehrt bereits jetzt von einem beträchtlich hohen Prozentsatz an ausländischem Fachper-sonal. Denn alle Institutionen und Spitäler haben Probleme bei der inländischen Rekrutierung von Ärzten und Pflegern. Auch grössere Spitäler haben Mühe, vakante Stellen zu besetzen. Nachdem der Zustrom deutscher Ärzte langsam ausdünnt, wurde schon letztes Jahr bekannt, dass Schweizer Spitäler vermehrt in Osteuropa auf Personalsuche gehen. Das Vorgehen, die Personallücke mit ausländischen Fachkräften zu stopfen, stösst nicht unbedingt auf positive Resonanz – vor allem, wenn es sich dabei um Länder handelt, die selbst unter einem Personalmangel leiden. Gleich mehrere Organisationen unter der Federführung des Netzwerkes Medicus Mundi fordern, die Schweiz solle anstelle dessen selber mehr Gesundheitspersonal ausbilden und mit guten Arbeits-bedingungen dafür sorgen, dass bereits ausgebildetes Personal im Gesundheitswesen bleibt.

Beispiel:

Nur zehn bis 15 Jahre verweilen Pflegefachpersonen in ihrem Beruf. Alleine die Verlängerung um ein Jahr würde den Nachwuchsbedarf um fünf bis zehn Prozent reduzieren. Es geht also auch um die Attraktivität des Berufes: So fordert etwa der „Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner“ eine Verbesserung der Arbeits-bedingungen und eine Erhöhung der Saläre. Ein Gesundheitswesen, das im  Wesentlichen auf der Abhängigkeit von ausländischem Personal beruht, steht auf wackligen Beinen.

Gelingt es zum Beispiel den Nachbarländern ihre Attraktivität als Arbeitsstandort zu verbessern, könnte sich die Situation hierzulande rasant verschärfen. Und es verliert den Blick für eine  ang-fristige Lösung des Personal-problems. Rechnung getragen werden muss zum einen der Tatsache, dass aufgrund des  demographischen Wandels beziehungsweise der Alterung des Gesellschaft die Nachfrage nach Ärzten und Pflegepersonal steigen wird. Zum anderen zeichnet sich immer mehr ein Trend zu Teilzeitarbeit ab.

Den eigenen Nachwuchs fördern

Wenn es um die Lösung des Problems Personalmangel geht, hört man aus den politischen Reihen viel von Kooperationen, gemeinsamen Projekten und Verantwortung. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Klar ist:

Handeln tut Not. Einen Schritt in die richtige Richtung gehen die Universitätskantone, die mehr Ärzte ausbilden wollen. Ab 2015 dürfen jährlich zwischen 850 und 900 Studierende diplomiert werden – derzeit  sind es im Durchschnitt 700. Und doch nur ein Tropfen auf den heissen Stein: Laut Berechnungen müssten in der Schweiz jährlich 1‘200 Ärzte ausgebildet werden. Wenn nicht sogar mehr, denn allein mehr als die Hälfte der Schweizer Hausärzte geht bis ins Jahr 2020 in Pension. Stimmen wurden in der Vergangenheit laut, die gar eine Abschaffung des Numerus Clausus für Medizinstudenten forderten. In den nichtuniversitären Gesundheitsberufen sieht es auch nicht besser aus: Von den 13‘000 bis 16‘000 Personen, die es für diesen Bereich braucht, werden nur rund zwei Drittel in der Schweiz ausgebildet.

Fakt ist:

Zusätzliche Ausbildungsplätze müssen her, indem zum Beispiel neue Finanzierungsmechanismen den Kantonen Anreize für deren Schaffung geben, die Ausbildung muss grundsätzlich gefördert sowie der Wiedereinstieg in den Job erleichtert werden. Nur so kann das wachsende Problem im Gesundheitswesen am Schopfe gepackt werden – auch langfristig und ohne Abhängigkeiten.

Von Nadine Eiffert für: DIE FRAU – Eine Sonderveröffentlichung des Reflex Verlages

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