Hör auf Dich mit anderen zu vergleichen

Es war einmal ein kleiner Junge, der sich mochte. Oft war er sogar richtig stolz, wenn er zum Beispiel herausgefunden hatte, wie man das Spielzeug benutzt oder auf den großen Zweig der alten Birke neben dem Spielplatz klettert.

Es waren einmal Eltern, die sich mit anderen Eltern auf dem Spielplatz trafen. Da erfuhren sie, was die fremden Kinder konnten. Manche schienen die Spielzeuge viel schneller zu verstehen als der kleine Junge, andere erklommen die alte Birke viel weiter nach oben. Als sie wieder zuhause waren, sprachen sie mit dem kleinen Jungen. „Horst-Kevin ist heute viel höher geklettert als Du. Und Britney-Bärbel weiß viel mehr mit den Spielzeugen anzufangen. Vielleicht gibst Du Dir das nächste Mal mehr Mühe.“

Es war einmal ein kleiner Junge, der sich von diesem Tag an mehr anstrengte und weniger mochte. Wenn er spielte und kletterte, schielte er immer auf die anderen Kinder. Kletterten sie höher, waren sie geschickter? Wenn ja, dann strengte der kleine Junge sich noch mehr an. Er wollte nicht mehr vor allem sich selbst, sondern seine Eltern stolz machen. Einmal rutschte er vom Ast der alten Birke ab und viel mitten aufs Gesicht. Er wollte mithalten und vergaß dabei, sich festzuhalten. Da beschloss er: ich kann nicht so gut klettern wie die anderen, da muss ich wenigstens größere Sandburgen bauen – etwas, das ihm zwar nicht so viel Spaß machte, aber Eindruck bei seinen Eltern und den anderen Eltern und den Spielkameraden machte. Nach dem Fiasko mit dem Sturz vom Baum hatte er etwas gefunden, das er besser konnte. Bis ein neuer Junge mit seinen Eltern in die Nachbarschaft zog. Noch zwanzig Jahre später würde er sich an den Namen erinnern: Malte. Malte konnte Sandburgen bauen wie ein Gott. Schon wieder war der kleine Junge nicht mehr der Beste.

Später, in der Schule, wurde seine Lage noch chancenloser: in jedem Fach gab es mindestens einen Schüler, der eine Eins schrieb, wenn der kleine Junge trotz allen eifrigen Lernens es nur zur Zwei oder Drei schaffte. Und auch in den Pausen, im Nachmittagshort und auf dem Fußballplatz, der den Spielplatz ersetzte, gab es immer Jungs, die mehr Tore schossen, teurere Klamotten trugen und mehr Mädchen um sich scharten. Wohin er auch schaute, es schien kein Platz für ihn zu geben. „Wenn ich schon nicht so gute Noten schreiben, so viele Tore schießen und so viele Mädchen verzaubern kann wie die anderen … dann suche ich einfach nach ihren Fehlern!“, beschloss er. Die Nase des besten Fußballers etwa war krumm und zerbeult wie die alte Radioantenne in Opas Haus. Und Markus, der Mädchenschwarm, war zu blöd, um „Radioantenne“ überhaupt zu buchstabieren. Der nicht mehr ganz so kleine Junge entwickelte einen Röntgen-Blick für die Fehler der anderen, für ihre Schwachstellen, ihre Verwundbarkeiten. Er mochte sich nicht gerade, wenn er so schlecht über die Mitschüler dachte. Doch immerhin konnte er sich für einen Moment überlegen fühlen, wenn ihm die gute Note, die hübsche Freundin, das umjubelte Tor eines Mitschülers ins Herz stach.

Jahre vergingen und ein um den anderen Tag verglich sich der kleine Junge, dann Junge, dann junge Erwachsene, dann Erwachsene mit den Leuten um ihn herum. In der Oberstufe. Im Studium. Im Job. Im Fernsehen und im Angesicht der Stars und Models. Im Bus. Im Schwimmbad. Unter der Dusche. Er verglich alles: Aussehen, Ansehen, Freundinnen, Noten, Körperhaltung, Einkommen. Mit jedem Vergleich, den er verlor, verlor er sich selbst ein weiteres Stück. Und mit jedem Vergleich, den er dank seines Röntgen-Blicks für die Fehler der Mitmenschen gewann, gewann er vor allem eines: noch mehr Abstand. Zu Menschen, die seine Freunde hätten werden können, hätte er sie nicht spüren lassen, wie überlegen er sich in diesem und jenen Bereich fühlte.

Es war einmal ein Mann, der sich bis zu seinem 35. Lebensjahr tagein und tagaus verglichen hat und angestrengt, um möglichst gut dabei abzuschneiden. Was er besonders gut abschnitt: die Verbindung zu sich und zu dem, was er ist, braucht, träumt und liebt.

Der Mann wollte so nicht mehr weiterleben. Er suchte einen Weg, sich selbst zu lieben und sich wohlzufühlen – egal, ob er gerade etwas leistete oder nicht, egal, ob ihm gerade jemand gegenübersteht mit dickeren Oberarmen, dickeren Portemonnaie oder famoserem Lebenslauf.  Doch was immer er probierte, stets fiel er wieder in die alten Muster zurück und verglich sich rechts und links, vormittags, nachmittags, abends.

Eines Tages, nach einem langen Meeting, in dem er mal wieder Chef und Kollegen beeindrucken wollte (mit mäßigem Erfolg: niemand hatte applaudiert oder ihm auch nur auf die Schulter geklopft), setzte sich der Mann in der Mittagspause auf eine Bank im Park neben dem Bürogebäude.

Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten dem Frühlingsanfang ins Gesicht, das ganze Programm eben. Da ließ er seinen Blick zwischen den Bäumen schwanken. Manche waren groß, andere klein, manche symmetrisch, andere krumm. Manche dick, andere dünn. Manche mit vielen Ästen, Zweigen und Blättern behangen, andere fast kahl. Aber keinen konnte man mit dem nächsten vergleichen. Sie alle waren einzigartig.

Dann fiel ihm noch etwas auf. Die Bäume standen an ganz verschiedenen Stellen. Manche standen auf einer saftigen Wiese und wurden von der Sonne gebadet, andere bekamen nur wenig Licht ab, wieder andere standen nicht auf einer saftigen Wiese, sondern auf einem verdorrten Stück Boden. Obwohl die Bäume so dicht nebeneinander aufgewachsen waren, entsprang nicht nur jeder einem einzigartigen Samen, jeder von ihnen hatte auch seinen eigenen Untergrund und Hintergrund und damit einzigartige Voraussetzungen. Wie könnte sich ein Baum da über einen anderen lustig machen? Wie könnte sich der eine dem anderen unterlegen fühlen, wo der doch unter ganz verschiedenen Bedingungen geboren und gewachsen ist?

Dem Mann im Park, um den sich der ganze Text hier dreht, verdrehten die Bäume den Kopf. Sind nicht auch wir Menschen überhaupt unvergleichbar? Ist er selbst nicht auch unter einzigartigen Bedingungen aufgewachsen – selbst dann, wenn seine Spielkameraden im selben Viertel, seine Mitschüler in derselben Schule, seine Kommilitonen an derselben Uni waren und seine Kollegen im selben Unternehmen sind wie er?

Nur … um was geht es dann, woran soll er sich messen, wenn nicht mit den Leuten neben, vor und hinter sich? Wieder fiel sein Blick auf die Bäume. Jeder Baum hat seinen eigenen Weg zurückgelegt, dachte er, mit den Wurzeln nach unten und dem Stamm und der Krone nach oben, hat Frühlinge und Sommer und Winter erlebt. Jeder Baum war mal nichts weiter als ein Samenkorn und ist im Vergleich dazu heute ein stolzer, mächtiger, erfahrener Riese. Und so überlegte der Mann: „Wie die Bäume habe auch ich mich entwickelt, meinen ureigenen Weg bewältigt. Wenn ich zurückblicke, sehe ich, wie viel ich geschafft habe, und wenn ich nach vorn schaue, sehe ich mich selbst auf meinem Weg voranschreiten und wachsen“.

Der Mann verglich sich weiter mit seinem Umfeld, doch immer öfter bemerkte er dies und sagte sich: „Oh, ich vergleiche mich gerade wieder mit anderen Leuten. Das ist okay, aber eigentlich kann und brauche ich mich nur mit mir selbst vergleichen.“

Von da an erlebte der Mann sein Leben nicht mehr als Wettkampf, sondern als seine ganz eigene, einzigartige Reise. Er mochte sich wieder. Zum ersten Mal seit frühen Kindertagen mochte er sich aufrichtig und bedingungslos.

Quelle: myMonk.de

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