Ein Tag in einem Flüchtlingscamp in Goma

Foto: CARE/Adel Sarkozi

Es ist als ob ganz Nord-Kivu in Bewegung wäre: die Menschen sind auf der Straße. Sie fliehen vor den Kämpfen, sie verlassen die Camps oder kommen gerade an. Es gibt Kämpfe und Flucht. Und Vergewaltigungen. Aber das weißt du noch gar nicht. Nicht wirklich jedenfalls. Du bist am Stadtrand von Goma, auf holprigen, grün begrenzten Straßen zwischen sanften Hügeln. Die Landschaft um dich herum ist wie ein botanisches Wunderland, in dem die Menschen sich nieder-lassen dürfen. Du siehst Bohnenfelder, Bananenbäume und Sonnenblumen.

Dann erreichst du das Camp Lac Vert. Es ist ein düsterer Ort. Ein Camp für Binnenflüchtlinge, das den Menschen Zuflucht vor Gewalt und Kämpfen in Nord-Kivu bietet.  Sobald du aus dem Auto steigst bist du umringt von Menschen. Erst von Kindern. Die Schüchternen wollen dich nur angucken oder deine Arme und deine Kleidung anfassen. Die Mutigeren schreien: „Muzungu, muzungu! Gib uns Kekse!“ Muzungu ist Swahili und heißt „Weißer“. Dann wirst Du von Männern und Frauen umringt. Es läuft ähnlich ab, nur dass die Erwachsenen um Geld bitten, mit dir reden wollen, oder möchten, dass du ein krankes Kind untersuchst.

Foto: CARE/Adel Sarkozi

Du läufst durch das Camp.

Dir wird gesagt, dass hier über 24.000 Menschen leben. Manche sind seit letztem August hier, andere erst seit gestern. Wie viele? Kopfschütteln. Wer weiß das schon. Viele. Jeden Tag kommen neue Menschen. In letzter Zeit besonders aus Kitchanga, das etwa 80 Kilometer westlich von Goma liegt. Dort kam es Anfang März zu Kämpfen zwischen bewaffneten Gruppen. Ungefähr 100.000 flohen und suchen nun Unterschlupf in Camps wie diesem. Diejenigen, die schon länger da sind, leben in Zelten. Wer neu ist, versammelt sich im Zentrum des Camps, auf einem hügeligen Stück Land. Es ist bedeckt von kleinen Kleiderbündeln, Töpfen, Möbelstücken und gebrauchten Matratzen – alles was die Menschen auf ihrer Flucht tragen konnten oder gefunden haben. Sobald sie ankommen, packen sie ihre Töpfe aus. Die Frauen suchen Feuerholz und fangen an zu kochen. Kleidungsstücke, die gerade gewaschen wurden, sind auf den Felsen oder dem Boden zum Trocknen ausgelegt. Eine Gruppe von Kindern spielt in Pfützen.

Du läufst durch das Camp.

Wo immer du hinschaust siehst du kleine Zelte, oder Gerippe von Zelten. Menschen schnüren lange Stöcke aneinander um ein Gerüst zu bauen. Du sprichst mit Mhindule, einem Mann in seinen Fünfzigern, der mit seiner Frau und ihren acht Kindern seit letztem September hier ist. Er erklärt, dass ihr Zelt zu klein ist. Deshalb baut er mit seinem ältesten Sohn Ishar ein zweites. Es soll morgen fertig sein. Das heißt, das Gerüst soll morgen fertig sein, denn bis jetzt hat er keine Plastikplane um es abzudecken.

In einem Zelt hörst du Kinder weinen. Für ein paar Minuten hältst du vor einem anderen an. Eine Mutter wäscht ihr kleines Kind sorgfältig in einer blauen Waschschüssel. Der Junge ist sichtbar unterernährt, sein Bauch ist rund wie ein Luftballon. Er lässt ihn das Gleichgewicht verlieren und seine Mutter drückt ihn sanft auf eine Holzbank. Sie trocknet seinen zerbrechlichen, kleinen Körper ab und zieht ihm ein T-Shirt an. In strahlend grüner Schrift steht da auf weißem Hintergrund: „Das ist mein Glücksshirt“.

Du läufst weiter bis du das „Maison pour les mamans“ („Haus für Mütter“) erreichst. Es ist ein größeres, weißes Zelt, in dem Überlebende sexueller Gewalt Hilfe suchen. Es ist ihre erste Anlaufstelle. Drinnen bekommen sie erste psychologische Hilfe und Informationen über ein nahegelegenes Krankenhaus, damit sie sich behandeln lassen und Medikamente bekommen können.

Auf dem Boden direkt am Eingang sitzend triffst du Rose*. Sie hat eine schwere Geschichte zu erzählen. Leider ist es aber im Kongo eine sehr verbreitete Geschichte. Rose kam vor vier Monaten in das Camp. Gestern wurde sie vergewaltigt, als sie im nahen Wald Feuerholz sammelte.

Sie hat überall Schmerzen, sagt sie. Im Unterleib, im Rücken. Aber sie hofft, dass es besser wird, wenn sie erst Medikamente bekommen hat. Sie erzählt weiter, dass Krieg das Schlimmste in den Menschen zeigt: „Du wirst auf deinem Weg schlechte Menschen treffen und die Frauen leiden am meisten… Das Leben wäre anders ohne Krieg.“
Du sitzt da und nickst. Die Worte füllen deinen Kopf und du sagst nichts. Es kommt dir in den Sinn, dass Rose die erste Überlebende sexueller Gewalt ist, die du triffst. Sie ist keine Statistik. Sie ist hier, dir gegenüber und sucht nach Unterstützung, nach einer Lösung. Du blickst in ihre feuchten Augen. Sie sind voller Unruhe – in ständiger Bewegung, in die eine oder die andere Richtung, als wenn sie fieberhaft nach einem Ausweg suchten. Hier ist sie und sucht nach Hilfe, nach einem Ausweg. Du sagst ihr, dass es mutig war hierher zu kommen und um Hilfe zu bitten. Dass sie sehr stark ist. Und sie lächelt. Trotz allem…

Du redest mit mehr Menschen.

Die Geschichten ähneln der von Rose. Die Kämpfe, die Flucht, die Vergewaltigungen. Und die nagende Frage:

“Wann und wie wird das alles enden?“

* Der Name wurde geändert.

von Adel Sarkozi für CARE.de

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