Mit welchen Frauen zeigen wir uns solidarisch

Foto: Berivan Güngör

Am 12. Januar dieses Jahres  gingen in Paris 100’000 Menschen auf die Strasse, um die Ermordung dreier Frauen öffentlich anzuklagen und um von der französischen Regierung die Aufklärung der Tat zu fordern. Unzählige französische Politiker sagten den Demonstranten in ihren Ansprachen ihre ungebrochene Solidarität zu. Wenige Tage später wurden zwar zwei Verdächtige festgenommen, gegen einen wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet ­– doch wer tatsächlich hinter der Tat steht und welchen Hintergrund sie hat, ist nach wie vor nicht klar.

Auch zwei Monate später sind die Wunden nicht geheilt und die Ermordeten nicht vergessen: Anlässlich des Weltfrauentags wird Sakine Cansiz, Leyla Söylemez und Fidan Dogan am Samstag in Paris noch einmal gedacht. Die drei Frauen waren Mitglieder der kurdischen Arbeiterpartei PKK, Sakine Cansiz sogar eines ihrer Gründungsmitglieder und eine wichtige Exponente der Partei. Auf kurdischer Seite ist man überzeugt, dass die Morde dem türkischen Geheimdienst zuzuschreiben sind und im Auftrag oder zumindest im Wissen der türkischen Regierung ausgeführt wurden – die Türkei dagegen beharrt darauf, dass innerkurdische Konflikte zu Grunde liegen. Doch gleichgültig, wer hinter der Tat steckt – er ist sowohl äusserst systematisch als auch erschreckend kaltblütig vorgegangen. Zwei der drei Frauen wurden mit einem Schuss in den Nacken getötet, die dritte mit einem frontalen Kopfschuss. Es wurde eine Waffe mit Schalldämpfer benutzt, so dass die Tat vorerst von niemandem bemerkt wurde, obwohl sie mitten im 10. Bezirk von Paris im kurdischen Informationszentrum begangen wurde.

Ob die PKK eine Terrororganisation ist, als welche sie von der EU eingestuft wird (aber nicht von der Schweiz), oder eine Partei von Freiheitskämpfern, die das kurdische Volk von den jahrzehntelangen Repressionen und Verfolgungen zu befreien versucht, sei einmal dahingestellt. Tatsache ist, dass hunderttausende von Kurden, darunter auch Sakine Cansiz, Leyla Söylemez und Fidan Dogan, aus der Türkei geflohen sind, weil sie dort in ständiger Angst vor Freiheitsentzug und in vielen Fällen auch vor ihrer Ermordung lebten. Tatsache ist, dass verschiedene europäische Länder zehntausende von Kurden als Flüchtlinge aufgenommen haben. Damit haben sie ihre Schutzbedürftigkeit anerkannt und die Verantwortung dafür übernommen, dass sie auf europäischem Boden ein Leben ohne Angst führen können. Im Fall von Sakine Cansiz, Leyla Söylemez und Fidan Dogan leider vergeblich.

 

Wie Flüchtlingsfrauen in der Schweiz leben

In der Schweiz leben zehntausende von Kurdinnen und Kurden und fast zwei Millionen Ausländer. Mehrere Zehntausend davon sind Flüchtlinge. Das Thema Ausländer und Asylwesen wird zunehmend kontrovers diskutiert, die Verschärfungen in der Gesetzgebung sind Anlass für Proteste und Demonstrationen, gegen die in den letzten Monaten (meist unbemerkt von der Öffentlichkeit) mit heftigem Polizeieinsatz vorgegangen wurde. Die Frage ist, wie wir Schweizerinnen und Schweizer uns dazu stellen, dass Menschen, die in einer Notsituation nach Europa flüchten, auch hier nicht immer in Sicherheit leben und von ihren früheren Verfolgern beeinträchtigt werden können wie bei den Pariser Morden.

Auch eine syrische Frauenorganisation ruft am Samstag zur Demonstration auf dem Berner Waisenhausplatz auf – im Gedenken an die Opfer, die der nun schon fast zwei Jahre lange Krieg in Syrien gefordert hat, in Solidarität mit ihren Angehörigen und als Protest gegen die Untätigkeit des UNO-Sicherheitsrates. Die Leidtragenden des Krieges sind vor allem auch Frauen und Kinder. Eine Flucht nach Europa ist für Familien ungleich schwieriger als für Einzelpersonen. Letztes Jahr lebte im Notfall-Asylzentrum Hochfeld in Bern eine syrische Familie mit sechs Kindern, die Frau war ein siebtes Mal schwanger. Der Vater war in der Schweiz wegen einem kleinen Delikt inhaftiert worden, die Familie auf sich allein gestellt. Sie teilte sich ein Zimmer mit anderen Familien, vor ihr Kajütenbett hängten sie notdürftig Tücher, um ein bisschen Privatsphäre zu haben. Die Kleinen waren wegen mangelnder Hygiene und nicht kindergerechtem Essen oft krank, monatelang war nicht klar, ob auf ihr Asylgesuch eingegangen wurde. Unter dem Vorwand, eine Wohnung für sie gefunden zu haben, fuhr der Leiter des Asylzentrums die Familie schliesslich nach Thun, wo aber bereits die Fremdenpolizei auf sie wartete, den Vater und die sichtlich schwangere Mutter in Handschellen legte und sie umgehend in ein Flugzeug nach Italien setzte, wo keinerlei finanzielle und soziale Unterstützung unterhalten würden.

 

Solidarität mit einer SVP-Frau

2007 haben 12 000 Schweizerinnen und Schweizer für die Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf demonstriert. Bei dieser Protestaktion auf dem Bundesplatz ist etwas ganz Wunderbares passiert: Parteigrenzen und Meinungsverschiedenheiten waren plötzlich nicht mehr so wichtig, es ging vielmehr darum, dass Frauen sich solidarisch zeigten mit einer Frau, die plötzlich zu einer Gegenkandidatin von einem Mann ihrer eigenen Partei geworden war. Doch nicht nur dass sie eine Frau war, sondern auch dass man sich von ihr einen weniger radikalen Kurs versprach, bewegte an diesem Tag 12 000 Menschen dazu, sich mit Eveline Widmer-Schlumpf solidarisch zu zeigen – ich selber hätte vorher nie gedacht, dass ich einmal für eine SVP-Frau auf die Strasse gehen würde. Leider hat sie meine Hoffnungen insofern enttäuscht, als dass ihre Ausländerpolitik genau so radikal ist wie die ihrer Vorgänger. Wenn man einmal in einem Asylzentrum war und gesehen hat, unter welchen Umständen Frauen und Kinder dort monate-, manchmal jahrelang leben müssen, wenn man sich ihre Geschichten anhört und sich ihrer Hoffnungslosigkeit, ihrer Hilfebedürftigkeit bewusst wird, kann man nicht mehr anhand von Statistiken und schwarzmalerischen Szenarien entscheiden, wenn es um Asylpolitik geht.

Foto: Nicole Maron

Man kann nur noch mit dem Herzen entscheiden – für die Menschen, denen es nicht vergönnt ist, ein Leben in finanzieller und physischer Sicherheit zu führen, allen voran für die Frauen und ihre Kinder, die keine andere Chance haben. Auch an sie muss man am Weltfrauentag denken, mit ihnen muss man sich solidarisch zeigen – zum Beispiel bei der nächsten Abstimmung.

 

Nicole Maron

zum Weltfrauentag 2013

 

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