Urlaub im Kosovo

Skigebiete, Seenplatten, gutes Essen, Geschichte, Kultur und viel Gastfreundschaft. Die wenigsten würden bei diesen Stichworten an den Kosovo denken. Auch dreizehn Jahre nach dem Bürgerkrieg assoziieren viele den Kosovo eher mit Gewalt, Krieg, Armut und ethnischen Konflikten.

Dabei hat das kleine Land in der Mitte Europas einiges zu bieten. Zum Beispiel Novo Brdo. Eine halbe Autostunde von Pristina entfernt liegt die 4.000 Seelen-Stadt, die „grüne Lunge“ des Balkanstaates. Weite, grüne Hügel durchziehen die Landschaft, kleine Flüsse plätschern die Hänge hinunter. Über die Hänge hüpfen kleine Kälber und Ziegen. In dieser Idylle stehen orthodoxe und katholische Kirchen neben Mausoleen, Klöstern und Ruinen alter Burgen. Die Festung Kalaja ist sogar Weltkulturerbe der UNESCO.

„Es gibt tausende Gründe, warum Novo Brdo einen Besuch wert ist“, sagt Afrodita. Die 42-jährige Mutter von zwei Töchtern ist eine von insgesamt 15 Mitgliedern der örtlichen Tourismusvereinigung, die sich mit einem kleinen Wohnzimmerrestaurant oder einem Zimmer für Gäste etwas dazu verdienen. Seit 2008 öffnen sie ihre Türen für Gäste aus dem In- und Ausland. „Aber bis letztes Jahr kam kaum jemand, es wusste einfach niemand, wo Novo Brdo überhaupt liegt, geschweige denn, dass es hier Unterkünfte gibt“, erzählt Afrodita, die hauptberuflich Lehrerin ist und schiebt eine große Blechform mit einem Kuchen aus Blätterteig und Käse in den kleinen Ofen. Auf dem Herd pfeift ein kleiner weißer Teekessel mit buntem Blumenaufdruck.

Fast 10.000 Touristen kamen im Jahr 2011 nach Novo Brdo

Im Mittelalter, als London noch ein Dorf war, handelten Sachsen und Venezianer in Novo Brdo mit Gold. Aber nach dem Krieg 1999 war die Stadt lahmgelegt, Schächte und Aufzüge der Bergwerke zerstört, die Region wurde eine der ärmsten im Land. Um die Bekanntheit der „Mutter aller Städte“, wie die Einwohner Novo Brdos ihre Heimat liebevoll nennen, und damit das Einkommen seiner Bewohner zu steigern, hat CARE zusammen mit der Europäischen Union (EU) 2011 eine große Werbeaktion gestartet. Auch Afrodita konnte man sehen: im Radio, Fernsehen und in der Zeitung. Die Werbeaktion war so erfolgreich, dass noch im gleichen Jahr etwa 10.000 Touristen in die Stadt im Osten des Kosovo strömten – fast zehnmal so viele wie in den Jahren davor.

Fünfsterne Hotels mit Tennisplätzen oder Jacuzzis sucht man hier vergeblich – Gästezimmer wie das von Afrodita sind die einzigen Unterkünfte. „Nach den Werbespots konnten wir uns vor Anrufen gar nicht mehr retten. Wir waren teilweise wochenlang ausgebucht“, erzählt Afrodita, während sie das selbstgebackene Brot in ihrer kleinen Küche schneidet. Kartoffeln, Bohnen, Tomaten und Paprika und Früchte baut ihr Mann an. Er sammelt auch Feuerholz, bestellt die Felder und kümmert sich um die Herden. Die Ziegenmilch und der Käse, die Afrodita behutsam auf den Holztisch mit der weißen Spitzendecke im Wohnzimmer stellt, kommen von den eigenen Ziegen und Kühen. Sie grasen neben dem kleinen, weiß gestrichenen Steinhaus mit dem roten Dach, in dem Afrodita mit ihrem Mann, den zwei Kindern und ihren Schwiegereltern lebt. Das Nachbarhaus kann man nur aus der Ferne sehen.

An den Erfolg hat anfangs niemand geglaubt

Es ist genau die Ruhe, die immer mehr Bewohner Pristinas am Wochenende gegen Auto-Smog und Lärm in ihrer Hauptstadt tauschen. Am Anfang hat damit allerdings niemand gerechnet. „Wer will schon nach Novo Brdo“, haben sie gesagt. Mittlerweile kommen viele Kosovaren, vor allem Schulklassen, aber auch internationale Mitarbeiter der KFOR, EU und sogar einige Touristen aus Deutschland, Zypern oder Amerika.

„Wir haben in verschiedenen Schulungen von CARE gelernt, wie wir mit unseren Gästen aus aller Welt am besten umgehen“, erzählt Afrodita, während sie mit ihren Pantoffeln mit Leopardenmuster zwischen Küchenzeile und Esstisch hin und her läuft. Im angeschlossenen Wohnzimmer stehen zwei große Couchen, die mit bunten Decken abgedeckt sind. Auf dem Boden liegen schwere Teppiche. Auch die Einrichtung des Gästezimmers ist einfach, aber sauber und ordentlich. CARE hat die Familien mit Schlafcouchen, Kleiderschränken und anderen Möbeln ausgestattet.

Mire se vini. Dobro nam doschli. Willkommen. Welcome. Bienvenue.

Gleichzeitig hat CARE den Verband dabei unterstützt, einen Mountainbike-Verleih und andere Outdoor-Aktivitäten aufzubauen. Damit die Touristen ihren Weg dorthin und zu den historischen Stätten auch finden, hat CARE große schwarze Wegweiser aufgestellt. Den Weg zu Afrodita finden viele Touristen mittlerweile schon zum zweiten oder dritten Mal. Fast alle kommen wieder, wenn sie einmal in den Genuss ihres Essens und ihrer Gastfreundschaft gekommen sind. „Für mich ist meine Arbeit im Tourismus ein Traum. Wir können unser Einkommen aufstocken, gleichzeitig begegne ich immer neuen Menschen aus anderen Ländern, knüpfe neue Freundschaften. Ich lerne sehr viel von den Gästen.“ Mittlerweile kann Afrodita in vielen verschiedenen Sprachen Willkommen sagen.

Damit sie den Besuchern noch mehr bieten können, besuchen Afrodita und einige andere Frauen der Vereinigung bald einen Kochkurs bei einem Sternekoch in Pristina. Vielleicht wird der Kosovo dann doch irgendwann in einem Atemzug mit Urlaubsländern wie Frankreich, Griechenland oder Italien genannt. Afroditas Tür steht auf jeden Fall offen.

Quelle: care.de

 

 

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