Ich hasse Särge

Niemand bringt mich freiwillig in so ein Ding. Ein Stück Segel, ja, ein festes Tuch aus enggewobener Jute mit aufgedrucktem Mühlerad, darin könnte ich mich wohlfühlen. So ein starrer Sarg mit Damast ausgeschlagen und ich manierlich langgestreckt – eine grauenvolle Vorstellung. Eine Seemannsbeisetzung könnte mir gefallen, ins Wasser plumpsen und im Weltmeer verschwinden.

Eingewickelt in Pergamentpapier, zusammengehalten von Kalbslederbänder, das wäre die beste aller Möglichkeiten für eine fleissige Leserin. Lesungen am offenen Grab – Gedichte, kleine Prosa und philosophische Traktate. Und bitte keinen Gesang. So alte dünne Stimmchen und so ein unterdrücktes Weinen. Nur das nicht.

Das habe ich vor einer Woche dem Bestattungsbeamten im Stadthaus unterbreitet, höflich und sehr eindringlich.

Er knurrte: «Kommen sie wieder, wenn sie gestorben sind».

Der hat kein Interesse, dass ich mich dereinst als Leiche wohl fühle. Das ist dem so etwas von schnuppe … es ist ein Skandal!

**********************************************************

Eine Witwe, die in Erinnerungen kramt, über ihren alternden Körper sinniert und versucht, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen – auf der Bühne liegt die Beinprothese ihres verstorbenen Gatten.

Ein älterer Schauspieler, der sein vergangenes Leben resümiert. Sein sehnlichster Wunsch wäre, nochmals sein ganzes Können zu zeigen in einer neuen Rolle. Eitel ist er und süchtig nach Applaus – aber auch verzagt und er fürchtet sich vor dem Tod. Er hatte seine grossen Zeiten.

Eine Frau am Krankenbett eines Mannes, die schonungslos auf seine Unterlassungen und seine Rücksichtslosigkeit hinweist und ihm ein lange gehütetes Geheimnis verrät.

eFeF-Verlag, 2011. ISBN 978-3-905561-86-9

**********************************************************

 

Wanda Schmid schreibt Gedichte, Prosa und Theatertexte.

Letzte Buchveröffentlichung: „Löcher, Löcher. Drei Monologe“Wettingen, eFeF-Verlag, 2011. 6 Gedichte aus „Sonnenfinten“ wurden von David Hönisberg vertont (für Singstimme und Klavier). Das Dramolett „Das Meer verdampft“ wurde als Fassadendrama am 28.8.04 am Stadttheater Luzern uraufgeführt.

Sie erhielt verschiedene Auszeichnungen u.a. den Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung für die Erzählung Friedhofsgeflüster.

Quelle: femscript.ch


 

1 Kommentar zu Ich hasse Särge

  1. Dem kann ich mich anschliessen. Ein Sarg? – Nein, danke!
    Ich habe kürzlich gelesen, dass es sog. „Baumbestattungen“ gibt. Dabei wird ein Loch gegraben, die Asche des Verstorbenen hinein geschüttet, und danach ein Bäumchen drauf gepflanzt. Das würde mir gefallen. Oder meine Asche in einem kleinen plätschernden Bächlein, das dann irgendwann im grossen Meer ankommt.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Dateien hochladen

Du kannst Bilder oder Dateien in deinen Kommentar einbetten, indem du diese unten auswählst. Wenn du eine Datei hochgeladen hast wird ein Link an deinen Kommentar angefügt. Du kannst so viele Bilder oder Dateien hinzufügen wie du willst und alle werden deinem Kommentar hinzugefügt.


Bitte trage das Ergebnis der Rechenaufgabe in das leere Feld ein..

Klicke auf das Bild, um Dir die Frage in Englisch anzuhören.